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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 5)

hunderts erfunden. Nach ihrer außerordentlichen Verbreitung und der 
langen Dauer ihrer Herrschaft zu schließen, erfreuten sie sich einer 
großen Beliebtheit. Sie wurden auch vielfach nachgemacht, sowohl von 
auswärtigen Porzellanmanufacturen wie von Faiencefabriken, und Nach- 
kömmlinge dieser Familie werden hie und da selbst heute noch erzeugt. 
Trotz ihrer Einfachheit fehlt es ihnen nicht an Charakter; es ist 
dieselbe nüchterne, pedantisch: Steifheit, die in allen Kunstäußerungen 
und namentlich in der Architektur jener Zeit deutlich zur Erscheinung 
kommt. Ihre Form ist rasch beschrieben. Auf kreisrundem, flachem 
Boden erhebt sich senkrecht die Wand des Gefäßes. Kein Fuß, kein 
Bauch, kein eigens gebildeter Rand unterbricht die gerade Linie. Soll 
die Tasse besonders zierlich sein, so werden drei Löwenfüßchen am 
Boden angebracht, auf denen sie sich frei über dem Boden der Unter- 
schale erhebt. Kannen und manchmal auch Zuckerschalen haben einen 
kurzen, nach innen geschweiften Hals. Weiter versteigt sich die Gliederung 
nicht. Ganz eigenthümlich sind die Henkel gebildet. Der Henkelbogen 
ist dreimal in scharfem Winkel geknickt. Unterhalb des oberen Gefäß- 
randes tritt er mittelst eines kurzen Ansatzes aus der Fläche heraus, 
bildet sodann zwei rechte Winkel und kehrt in nach einwärts gekrümmtem 
Bogen zur Gefäßwand zurück. Die Ansätze dieser Henkel, werden ge- 
wöhnlich durch mehr oder minder verkümmerte Palmetten vermittelt. Im 
Uebrigen haben sie mit der Antike nichts gemein. Ihre eckige Form 
widerspricht vielmehr den klassischen Vorbildern und muss ihrer Ent- 
stehung nach auf die im Stile Louis XVI. besonders beliebten, mäander- 
artig gebrochenen Voluten zurückgeführt werden. -- Theetassen und 
Chocoladebecher werden nach denselben Principien gebildet, wie die 
Kaffeetassen, nur mit dem Unterschiede, dass die Wände sich nach oben 
in schräger Linie ausweiten. Theetassen bei größerem Durchmesser und 
geringerer Höhe, Chocoladebecher umgekehrt. Bei letzteren war es 
üblich, im Innern der dazugehörigen Unterschale einen erhöhten Steg 
oder eine durchbrochene Galerie anzubringen, die den Fuß der Tasse 
umschließt und so ihre Stabilität sichert. 
Zu dieser Gruppe von Gefäßformen gehören verschiedene Abarten, 
die sich durch besondere Henkelbildungen auszeichnen. So gibt es Tassen 
mit runden, schwanenhalsförmigen Henkeln, die in der unteren Hälfte 
einen Einbug zeigen, der beim Anfassen dem Mittelfinger einen Stütz- 
punkt bietet. Ferner Henkel mit Verstärkungsstäben innerhalb ihres 
Bogens, häufig in Form von akanthusblattartigen Fortsetzungen und 
Aehnliches. Die zu diesen Tassen gehörenden Unterschalen haben stets 
einen schräg aufsteigenden geradlinigen Rand. 
Eine zweite, jüngere Gruppe von Gefäßforrnen sucht auf verschiedene 
Weise die Steifheit der eben beschriebenen etwas zu mildern. Die KaEee- 
tassen erhalten einen Rand, der sich nach auswärts biegt und damit der
	        
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