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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 11)

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köstlichen Seitenhöfen nächst den Stiegenhäusern gibt er sich wieder ganz 
dem freien Reiz der Flächeneintheilung und gemäßigten Formenhaltung 
im Sinne Bramante's hin, gleichsam zu eigenster Befriedigung. Schon 
früher übersetzte er im chemischen Laboratorium (an der Währingerstraße) 
das glatte Pilastersystem vom Palazzo Giraud aus dem Travertin in 
Ziegelrohbau und reproducirte dort die echte, charakteristische Fenster- 
hildung Bramante's. In dem Project für das Berliner Reichsrathsgebäude, 
mit welchem er damals in die Concurrenz mit eintrat, suchte er vollends 
den machtvollsten Baugedanken des großen Meisters, dessen hemisphärische 
Kuppelform mit dem umlaufenden Säulenkreis um den Tambour - nach 
dem ursprünglichen Entwurfe für die Peterskirche in Rom - einen 
modern monumentalen Zweck in geistvollster Weise zu adaptiren. Er 
setzte diese Kuppel - die alles central Abschließende, im geistlichen und 
weltlichen Sinne, für Kirche und Staat bedeuten kann - über einen sehr 
vornehm disponirten Bau, vorn mit einem schön gegiebelten Porticus, 
beiderseits mit schlanken Aufbauten, welche oben Quadrigen tragen. Es 
lässt sich nicht verkennen, daß unser Architekt hier nicht nur bezüglich 
der Kuppel, sondern überhaupt durch den ganzen Facadenaufriß nach 
dem Project Bramante's, die zwei der Kuppel sich unterordnenden Thürme 
mit eingerechnet (nach dem bekannten Geymüllefschen Blatt), sich für 
seine Conception anregen ließ. Aber mit welch' genialem Griff, in wie 
sinnreicher Umbildung ist dies gethan! Wenn der künstlerisch so hoch- 
stehende Entwurf nicht acceptirt wurde, so lag die Schuld -- wie Eitel- 
berger richtig herausfand - an dem Einfluß von gewissen localen Ele- 
menten, welche sich dem selbständigen Künstler so oft auf fremdem Boden 
enrgegenstellen. Uebrigens ganz dasselbe, was Ferstel in Berlin, erfuhr 
Semper wieder in Wien. Fast noch Schlimmeres. Denn er hat thatsächlich 
wesentlich bestimmend auf die Gestaltung der großen Hofbauten ein- 
gewirkt, ohne an der wohlverdienten Ehre zu participiren, hierbei mit 
genannt ZU WCfdClI. 
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lch habe den Bau-Aesthetiker Ferstel (denn er war auch ein 
solcher) in einem Zuge sich aussprechen lassen; ich dachte wohl, es werde 
diesen Zuhörerkreis durchwegs interessiren, die Principien, welche ihn bei 
seinem künstlerischen Schaffen leiteten, näher kennen zu lernen. Nach 
Eitelbergefs richtiger Bezeichnung wgehörte er nicht zu den gelehrten 
Architekten, wie z. B. Gottfried Semper, Viollet-le-Duc, C. Bötticher 
und Hittorf solche gewesen sind. Aber er gehörte zweifelsohne zu den 
höchstgebildeten Architekten deutscher Nation der Gegenwart..- 
Jetzt wollen wir aber den schaßenden Baukünstler Ferstel doch 
weiter auf einheimischem Boden bauen sehen. Wir lenken auf den 
nächsten Schauplatz seiner Bauthätigkeit wieder ein. Er führt uns 
vom Stubenring, wo das wOesterr. Museum-l steht, weiter fort bis zum 
Franzensring - und dort zu seinem Hauptbau, der Universität.
	        

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