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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 3)

capelle, jedoch in viel schwererer Decoration (vielleicht burnacinisch?) hergestellt. 
Christoph Mathaei (1- 1706) bereicherte die Kirche rnit den bestehenden Seitenaltaren 
von Beduzzi, Gemälde von Strudel und Beluzzi, die Decke wurde von Greiner gemalt, 
die Kanzel errichtet. Der ganz kurz regierende Pralat Cini ist dennoch aber sehr wichtig, 
da er den Plan eines großen Neubaues wieder aufnahm und Prandauet rnit einem Ent- 
wurfc beauftragte. Seinem Nachfolger Perger (i7o7-t748), einem außerordentlich pracht- 
liebenden Manne, war dieser Entwurf zu kleinlich und es entstand der großartige von 
dem Oberstlieutenant Donato Felice Allio, welcher kaum zu einem Viertel ausgeführt 
wurde. Ueber diesen hervorragenden Architekten aus der alten lombardischen Künstler- 
familie, über das ursprüngliche Project und seine Details, die (ibrigen dabei beschäftigten 
Künstler, die Beziehung der Anlage zum Escorial, Pralat Pergers sonstige weitgreifende 
Kunstunternehmungen auf dem Gebiete der Plastik, Goldschmiedekunst, seine Beziehungen 
zu G. R. Donner etc. verbreitete sich der Vortrag eingehend. 
- Am 7. Februar hielt Custos Wendelin Boeheim im Oesterr. Museum vor 
einem zahlreichen Publicum seinen angekündigten Vortrag nUeber die Wandlungen des 
Schonheitssinnes in Oesterreich seit fünfzig Jahrem. Der Vortragende begann mit der 
allgemeinen Definition des Schonheitssinnes, als eine jedem Menschen in's Herz gelegte 
Naturgabe und dem Erweise, dass dieser von dem Kunstsinn in gewöhnlicher Auffassung 
wesentlich verschieden ist. An der Hand der Geschichte unseres Vaterlandes, vom Be- 
ginn des letzten Jahrzehnte: des vergangenen Jahrhunderts angefangen, schilderte Custoa 
Boeheim die Wirkung der Ereignisse. Die Regungen der Volksseele wurden nicht be- 
achtet. Das österreichische Volk verlor die Empündung für das Schone, weil auf Grund 
einer irrigen Auffassung fremde Kunstanschauungen durch die Regierung gewaltsam her- 
eingezerrt wurden. Er zergliederte den großen Stil in der Barockkunst, dagegen aber 
auch den französischen Classicismus, das pietistiache Nazarenerthum und die traum- 
verlorene, neuromanische Schule und legte klar, wie wenig die letzteren dem nationalen 
Charakter des Volkes und seiner innersten Empfindung entsprachen. 
Es folgte sodann die Schilderung der um t8zo aus dem Volke spontan hervor- 
getretenen Reaction gegen alle widrigen Angriüe auf sein Gemüth durch die plötzlich 
erstandene österreichische Volksdichtung, die dadurch sich machtig entwickelnde heimat- 
liche Tonkunst und die nicht minder kraftig aufstrebende österreichische Malerschule. 
Er charakterisirte die hervorragenden Meister jener künstlerischen Gegenstromung: 
Seidl, Castelli, Kaltenbrunner, Stelzhammer, den Heros der Volksdichtung, Raimund, und 
vergaß auch den wohlthatigen Einßuss jener Vertreter der höheren Poesie nicht, die 
ihre Aufgabe, Lehrer ihres Volkes zu sein, nie aus den Augen verloren haben. Wie ein 
glanzendes Gestirn in dunkler Nacht erscheint die Gestalt Schuberts und neben ihr 
jene Proch's, Mayseder's und so vieler Anderer. In der bildenden Kunst erstand das 
Dreigestirn: Danhauser, Sauermann und Waldmüllcr und mit ihnen eine stattliche Reihe 
von Meistern, die in ihren unvergleichlichen Werken eine Sprache führten, welche du 
Volk voll verstand und mit gierigen Zügen in sein Herz aufnahm. 
Die ganze Bewegung, so holfnungsreich, so schon, so kernbsterreichisch, verlor 
sich in Folge der Theilnahmslosigkeit, ja des Widerstandes einer verblendeten Regierung 
in den Sand und die Wellen der Revolution gingen darüber hinweg. 
Den Niedergang des Schonheitssinnes bis in unsere Tage schilderte der Vor- 
tragende in einer Anzahl von Wahrnehmungen im öfentlichen Leben, von welchen nicht 
die geringste jene ist, dass wir auf vielen Gebieten, namentlich aber in der dem Schon- 
heitasinn entgegenkommenden Volksliteratur, vollkommen vom Auslande, zunlchst von 
Deutschland abhangig sind. lrn weiteren berührte er die Stellung der Schule. des Clrxui 
und der Bevölkerungsschichten zu den idealen Fragen und bot hier einachlagende und 
beherzigenswerthe Beispiele. 
Custos Boeheim lieB seine Schilderungen in einen warmen Aufruf an die Künstler- 
welt ausklingen, in allem Schaffen der Nachahmung fremder ldeen zu entsagen und 
sich den Idealen und Empfindungen des eigenen Volkes zuzuwenden, in dessen Seele 
die starksten Wurzeln ihrer Kraft lagen. 
K 
3931911381"!!- Auf S. 3:7 der vorigen Nummer der nMitlheilungenn, Zeile 26 
v. o., soll es heißen Fismmingo statt Framminger, Zeile 1.9 Barent statt Darent Cvraat.
	        

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