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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

nissvolle Verurtheilung der römischen Antike hat, wie hier einschaltungs- 
weise bemerkt sein möge, erst in den letzten Jahren einer Aufklärung zu 
weichen begonnen. Wir beginnen nun zu ahnen, dass in der römischen 
Kunst alle unsere moderne Kunst wurzelt, dass zwischen der hellenisch- 
römischen Kunst und aller ihr vorangegangenen, also auch der altgriechi- 
schen, eine tiefe Kluft gähnt, dass das Antik-Römische mit unserer eigenen 
Kunst viel enger verwandt ist, als rnit der altgriechischen, von der sie 
nach der Anschauung unserer Vorgänger eine Verwilderung sein sollte. 
Also die römische Antike dürfte es nicht sein. Hierauf kamen 
die mittelalterlichen Stile in Betracht. Winckelmann hätte sich mit diesen 
gar niemals abgegeben; aber seither hatte die Kunstgeschichte den Kreis 
ihrer Forschungen über das classische Alterthum hinaus namhaft erweitert. 
Von den mittelalterlichen Stilen war es vor Allem der charakteristischeste 
darunter, der gothische, der schon frühzeitig in der ersten Hälfte des 
Jahrhunderts im Zeitalter der sogenannten Romantik zahlreiche nachge- 
nießende und nachempfindende Verehrer gefunden hatte. Aber es lag 
hauptsächlich an den engen Grenzen, innerhalb deren sich die Verwen- 
dungsfähigkeit des gothischen Stils flir moderne Kunstbedürfnisse bewegt, 
dass die Begeisterung für diese Gothik mehr auf dem Papiere geblieben 
ist; fast nur die kirchliche Kunst hat sich in größerem Ausmaße denselben 
in praktischer Weise zum Vorhilde genommen. 
Dagegen bot sich gleich nach der Gothil: ein Kunststil dar, der wie 
geschaffen schien zur Heilung unserer siechen Kunstzustände: die ita- 
lienische Renaissance. Fast jeder Aufgabe wusste sie gerecht zu 
werden: einer monumentalen wie einer decorativen, einer profanen wie 
einer kirchlichen. Für _den Tempel hatte sie die entsprechenden großen 
Formen bereit und für das Kunstgewerbe das nöthigc kleinliche Zierwerk. 
In dem Augenblicke, da man die Fahne der italienischen Renaissance 
hochhob, glaubte man nun endlich am Eingange einer neuen Kunstära 
zu stehen. Kaum vier Jahrzehnte trennen uns heute von jenem Augen- 
blicke, da die Begeisterung für die italienische Renaissance aufloderte; 
wo sind aber die Früchte derselben zu sehen? Nicht zwei Jahrzehnte 
hatte die überzeugte Nachahmung der italienischen Renaissance angehalten, 
als man ihrer überdrüssig ward und sich den abgeleiteten Renaissance- 
stilen zuwandte. Wiederum war es die allezeit bereitwillige Kunstgeschichte, 
die die neubegehrten Muster bergab, die die Publicationen über deutsche 
und über französische Renaissance veranstaltete, und die aus den Rumpel- 
kammern alter Schlösser und Kirchen die durch glückliche Fügung er- 
haltenen Denkmäler dieser Stile in den Museen zur Schau stellte. Auf 
die Renaissance kam das Barock, auf das Barock das Louis XVl und das 
Empire, und damit war der Kreislauf der Kunstgeschichte geschlossen. 
Man darf sagen: alle von der Kunstgeschichte bisher festgestellten Stile, 
den türkisch-persisch-arabischen und den chinesisch-japanischen nicht aus- 
geschlossen, hat man ergriifen, eine Weile nachgeahmt und dann wieder
	        

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