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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

verlassen, um es mit einem neuen zu versuchen. Eine wahrhafte Renais- 
sance, eine Wiedergeburt der Kunst im alten, historischen Sinne ist aber 
aus alledem bisher nicht erwachsen. 
Erinnern wir uns nun desjenigen, was wir als den Charakter der 
drei zuletzt betrachteten Renaissancen kennen gelernt haben - d. i. der 
beiden mittelalterlichen Renaissancen und der italienischen Renaissance 
des 15. Jahrhunderts - und vergleichen wir es mit denjenigen Erschei- 
nungen, die uns die Betrachtung der modernen Kunst gezeigt hat, so lässt 
sich das Resultat etwa in folgender Weise zusammenfassen. 
Den früheren Renaissancen lag die Absicht zu Grunde, die vor- 
handene Kunst zu verbessern, zu verjüngen. Die moderne Kunst sucht 
sich bei ihren Regenerationsbestrebungen vor Allem von dem zuletzt 
Gewordenen zu befreien. Die historisch gewordene Kunst war den früheren 
Renaissancen die feste Grundlage, auf welcher sie das Gebäude ihrer 
Kunstverbesserung aufzuführen gedachten. Die heutige moderne Kunst 
will vor Allem tabula rasa machen mit der Kunst von gestern. Kein 
Schimpf ist heute noch zu arg, als dass man ihn der Kunst der Dreissiger und 
Vierziger Jahre unseres Jahrhunderts nicht nachschleudern wollte. Und 
doch ist jene Zeit verhältnissmäßig noch immer selbständiger gewesen im 
Kunstschaffen, als unsere eigene. Also früher ein fester, sicherer Kunst- 
boden, eine sozusagen geheiligte Tradition, die der Mode völlig entrückt 
schien, gegenwärtig ein leidenschaftliches, rastloses Streben und Begehren 
nach einem absolut Neuen, noch nicht Dagewesenen in der Kunst. 
Daraus ergibt sich unmittelbar der zweite grundsätzliche Unterschied 
zwischen den früheren Renaissancen und den jetzigen Reformbestrebungen. 
Betraf jener erste die Grundlage, das bisherige Kunstschaffen, so be- 
trifft dieser zweite Unterschied das Mittel zur Erneuung, zur Wieder- 
geburt. Früher war man nicht einen Augenblick im Zweifel, welche Kunst- 
weise man dazu benützen sollte. Das war eben der Segen der vorhandenen 
festen und unverrückbaren Tradition, dass man genau wusste, was man 
Neues wollte, und daher vollkommen treffsicher nach dem Einzigen grill", 
das sich zur Verjüngung der eigenen gewordenen Kunst eignen konnte 
das war eine dieser letzteren nächst verwandte Kunst. Die moderne Kunst 
entbehrt dieser Sicherheit vollständig. Sie weiß längst nicht mehr, welche 
Kunst ihr am verwandtesten ist. Sie fühlt sich im Grunde allen gleich 
verwandt und allen gleich fremd. So schwankt sie von einem Vorbilde 
zum anderen, jedes weiß sie äußerlich nachzuahmen, ohne sich innerlich 
damit erfüllen zu können, und nach kurzer Weile wendet sie sich von 
diesem doch nur oberflächlich gestreiften Vorbilde ab und einem anderen zu. 
Wir sehen also klar und deutlich: sowohl im Verhältniss zu den herge- 
brachten historischen Grundlagen des Kunstschatfens, als auch in demjenigen 
zu den Mitteln einer Verjüngung steht die moderne Kunst in schroffem Gegen- 
satze zu ihren glorreichen Vorgängerinnen. Und wenn wir die Erfolg- 
losigkeit der bisherigen Reformbestrebungen der modernen Kunst im
	        

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