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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

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Die Hauptgrundsätze des Geschmackes waren also im Laufe des Jahr- 
hunderts einem Wechsel unterworfen, aber innerhalb einer und derselben 
Zeit waren sie doch immer einheitliche, für ein ganzes Volk giltige. Heut- 
zutage suchen wir nach solchen Hauptgrundsätzen vergebens. Ebenso- 
wenig als die schaHende, ausübende Kunst weiß, welcher von den früheren 
Stilen ihr der verwandteste, zusagendste, passendste wäre, ebensowenig 
weiß im großen Ganzen das kunstgenießende Publicum, welcher Stilart 
es vornehmlich und ausschließlich seine Liebhaberei zuwenden soll. 
Und dennoch gibt es einen Gesichtspunkt der Kunstbetrachtung, der 
auch unsere moderne Gesellschaft befriedigt. Man darf dies schon aus 
dem unleugbaren Umstande schließen, dass unsere Zeit an Kunstproduc- 
tion überaus reich ist. Ja man kann sagen, dass heutzutage in den wohl- 
habenderen Schichten der Bevölkerung ein großer Kunstluxus Platz 
gegriffen hat, der äußerlich wenigstens fast an die Zeiten der pompeja- 
nischen Antike oder der italienischen Renaissance erinnert. Das Kunst- 
schaffen blüht, trotzdem die Kunstentwicklung nicht von der Stelle rücken 
will. Wäre dieses Blühen möglich, ohne dass in der Bevölkerung eine 
wirkliche, tiefere Neigung für Kunst, also auch ein Gefallen an der Kunst 
vorhanden wäre? Woran liegt es, dass wir trotz unserer Unsicherheit, trotz 
unseres Schwankens in principiellen Geschmacksdingen ein so ausge- 
sprochenes Gefallen an Kunstwerken empfinden? Die Antwort lautet: es liegt 
wiederum an der Kunstgeschichte. 
Die kunstgeschichtliche Betrachtung ist es, von der sich unsere 
moderne Gesellschaft in ihrem Verhältnisse zur Kunst vornehmlich leiten 
lässt. Nicht blos der Künstler schafft seine Werke gemäß den Vorbildern, 
die ihn die Kunstgeschichte lehrt, auch der Genießende betrachtet diese 
Werke im Lichte der Kunstgeschichte. Wir suchen uns nachempfmdend 
in die Stimmung zu versetzen, die den Renaissance-Italiener angesichts 
einer in Quatrocentoformen geschnitzten Truhe erfüllt haben mag. Aber 
in der gleichen Weise trachten wir einem Rococorahmen jenen Geschmack 
abzugewinnen, den ein Höfling Ludwig XV. daran gefunden haben muss. 
Es ist vielleicht die wesentlichste Eigenthümlichkeit am modernen Kunst- 
leben, dass wir uns in alle Geschmacksrichtungen wahrhaft genießend 
hineinzuhnden wissen. Und wem verdanken wir die Fähigkeit zu solchem 
Genusse? Doch wiederum nur der Kunstgeschichte, den stilgeschichtlich 
geordneten Kunstsammlungen, die sie uns in den Museen zur Schau 
stellt, den Publicationen, die sie veranstaltet, und zwar wenn die Alles 
beeinflussenden Lehren der Kunstgeschichte auch der Entfaltung eines 
neuen, noch nicht dagewesenen Kunststils im Wege zu stehen scheinen, so 
geben sie uns doch zugleich auch die Mittel an die Hand, um nicht blos 
die Denkmäler vergangener Kunstperioden zu schätzen und zu würdigen, 
sondern auch um moderne Kunstwerke, die im Geiste jener alten ge- 
schaffen sind, zu genießen und uns das Leben dadurch wahrhaft zu ver-
	        

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