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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

Straßburg und seine Bauten. Herausg. vom Architekten- und Ingenieur- 
Verein für Elsass-Lothringen. Mit 655 Abbild. im Text, ll Tafeln 
und einem Plan der Stadt Straßburg. Straßburg, Karl J. Trübner, 
1894. 8". XI, 686 S. M. 20. 
An der Herstellung dieses Buches hat sich eine ansehnliche Zahl von Leuten ver- 
schiedensten Berufes betheiligt. Geologen, Architekten, Kunsthistoriker, lngenieure u. s. w. 
haben Arbeiten geliefert, die sich in den Rahmen eines organisch gegliederten Ganzen 
einfügen. Kurze Abhandlungen über' die geologischen, topographischen und klimatischen 
Verhältnisse der Stadt bilden die einleitenden Capitel. Dann folgt der erste Hauptthetl: 
IDBS alte Straßburgu. Er beginnt mit der Stadtgeschichte und behandelt in fünf weiteren 
Abschnitten Straßburgs altere Bauten. Der zweite Haupttheil, an Umfang dem ersten 
nahezu gleich, befasst sich mit dem Bauwesen Straßburg's seit 1870. 
An der Spitze des kunsthistorischen Theiles steht naturgemäß die Geschichte des 
Münsters, eine Arbeit von Dehio. Was der emsige Forscher in gedrangter Weise hier 
mitgetheilt, ist, soweit es die altere Geschichte betrifft, zum Theile neu, und in vielen 
Ergebnissen weitaus ansprechender, als die diesbezüglichen Vermuthungen von Adler und 
Fr. X. Kraus. Besonders fesselnd wird die Schilderung durch die vielfachen Nachweise 
der Beziehungen des Straßburger Münsters zu St. Denis, durch die Geschichte der Ent- 
wicklung des Langhauses, der Westfront und des Thurmbaues. Die folgenden Abschnitte 
behandeln die übrigen Bauten Straßburg's vom Mittelalter bis zum Jahre 1370. Jede 
dieser Abhandlungen bietet eine Fülle interessanter und wichtiger Daten. Sowohl Po laczek, 
der die mittelalterlichen Kirchen bearbeitet hat, als auch Schricker, dessen Forschungen 
sich aufdie bemalten Fassaden erstrecken, und Stadtbaurath Ot t, der die Bauthatigkeit vom 
Anfange des I7. Jahrhunderts bis t87o schildert, haben ihre Aufgabe mit Eifer und 
Sachkenntniss durchgeführt. Sie sind allen Fragen ehrlich an den Leib gerückt, wie 
schwierig es auch mitunter war, bestimmte Aufschlüsse zu geben, und waren gleichzeitig 
bemüht, innerhalb ihres Gebietes ein lebensvolles Bild künstlerischen Schaffens zu ent- 
werfen. Wenn uns dennoch der Abschnitt über die Profanbauten des Mittelalters und 
der Renaissance (O. Winckelmann und Th. Schmitz) am meisten fesselt, so liegt 
dies in der Natur des Gegenstandes. Diese Partie des Buches gewahrt eben den origi- 
nellsten Einblick in das blühende Bürgerthum Straßburgs im 15. und 16. Jahrhundert. 
Die Geschichte des Frauenhauses mit seinem malerischen Hofe und den prächtigen ge- 
tafelten Zimmern, des bekannten Kammerzelfschen Hauses am Münsterplatze mit seinen 
nun erneuerten Malereien und hochaufragenden Riegelwünden, des grandiosen Hotel du 
com merce u. s. w. bilden reizvolle Kleinmalereien aus dem reichbewegten Leben inner- 
halb der engen Mauern des alten Argentoratum. Hier treten auch einzelne Künstler 
in greifbarer lndividualitat hervor, vor Allem Joh. Schoch, dessen Hauptwerk der 
aFriedrichsbau am Heidelberger Schlosse- ist. Ob er auch der Erbauer des bedeutendsten 
Renaissancehauses Straßburgä, des Hütel du commerce, gewesen, bleibt zweifelhaft. 
Jedenfalls aber gebührt ihm das Verdienst, Straßburg, das als Vorort der deutschen Bau- 
hütten beharrlich an der Gothik festhielt, am Ausgange des 16. Jahrhunderts der Renais- 
sance zugeführt zu haben. Der neue Stil kommt auch hier, namentlich im Detail, zum 
Ausdrucke, in reizvollen Erkern, Portalen, Wendeltreppen und vor Allem in höchst inter- 
essanten Fachwerkbauten mit köstlichen Schnitzereien. Gute und zahlreiche Abbildungen 
erleichtern und beleben hier, wie in allen übrigen Theilen des Buches, das Verstlndniss 
in willkommenster Weise. 
Nicht in demselben Grade ansprechend, wie der erste, ist der zweite Haupttheil 
des Buches. Wir finden hier an Stelle einer zusammenhängenden Schilderung der bau- 
lichen Entwicklung Straßburgk seit der Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reiche 
nicht vielmehr als trockene Bauberichte. Von der Kaiser WilhelmsvUniversitAt, dem 
Kaiser-Palast, der Universitats- oder Landesbibliothek und einer Reihe anderer, mehr 
oder minder bedeutender Monumentalbauten erfahren wir sehr genau, was sie gekostet, 
die Namen der daran Betheiligten, die Bauzeit, die Beschaffenheit des Materials und 
Aehnliches, ohne dass leitende Gedanken diese an sich gewiss recht werthvollen Angaben 
verbinden und beleben würden. Unter der Mitarbeiterschaft von mehr als einem Dutzend 
von sFachmannernu, namlich aller jener rKreis-Bauinspectorenc, wBaurlthec, alngeuieurer 
u. s. w., die an den betreffenden Bauten betheiligt waren, war wohl auf anderem Wege 
eine Gleichmäßigkeit in der Bearbeitung kaum zu erreichen. Es fehlt hier entschieden 
der die Einzelheiten überschauende Blick und du zusammenfassende Urtheil des Kunst- 
historikers. Zwei baugeschichtliche Tabellen gewähren hübsche, vergleichende Ueber- 
sichten, und ein genau gearbeitetes Namens- und Sachregister erleichtert die bequeme 
Benützbarkeit des Buches. Fa. 
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