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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

bildende Antike selbst, deren sich Canova bediente, war zum Theil eine 
den Italienern von Haus aus fremde: die griechische. Vollends unter den 
Nachfolgern Canova's erfolgte auch in Italien ein strengerer, genauerer 
Anschluss an die griechisch-antiken Vorbilder, und damit war auch für 
Italien jener verhängnissvolle Process eingeleitet, der schon früher, wie 
wir sehen werden, in Deutschland zum Durchbruche gekommen war. 
Man gelangte auf diese Weise auch in Italien schließlich zu einer gewalt- 
samen Abkehr von der historisch gewordenen Kunst, wie man sie im 
18. Jahrhundert noch gar nicht beabsichtigt hatte. Freilich so schroEe 
Formen wie in Deutschland hat diese Abkehr in Italien niemals, bis zum 
heutigen Tage nicht, angenommen. 
Nach dieser Ahschweifung treten wir an die Erörterung der Haupt- 
frage heran: auf welche Weise man in Europa dazu gelangt war, die 
griechische Antike zur Grundlage der beabsichtigten Kunsterneuerung, 
Kunstveriüngung, Renaissance zu machen? 
Eines ist von vorneherein sicher: aus der Kunst selbst heraus 
konnte die plötzliche Begeisterung für die griechische Antike nicht er- 
.wachsen sein. Die Kunst, wie sie im 18. Jahrhundert geworden war, 
hatte womöglich noch weniger Berührungspunkte mit der altgriechischen 
Kunst, als irgend eine frühere mittelalterliche oder neuzeitliche Kunst- 
weise. In der That ist diese Begeisterung für die griechische Antike in 
die Kunst von Außen hineingetragen worden. Gewiss wäre diese Beein- 
flussung der Kunst von Außen her kaum möglich gewesen, wenn man 
in Deutschland in künstlerischen Dingen fester und selbständiger auf 
eigenen Füßen gestanden wäre. Die Italiener haben, wie wir gerade sehen 
konnten, viel länger widerstanden und hätten vielleicht überhaupt niemals 
vor der griechischen Antike capitulirt, wenn diese nicht inzwischen von 
Norden her als Gegenstand der allmächtigen Mode ganz Europa er- 
obert hätte. 
Der Factor nun, der die Begeisterung für die griechische Antike 
aufgebracht und in die Kunst hineingebracht hat, ist die Litteratur ge- 
wesen, und zwar ein besonderer Zweig der wissenschaftlichen Litteratur, 
ein Zweig, der damals ganz neu entstanden ist, der in früheren Zeiten 
noch nicht existirt hatte: die Kunstgeschichte. Die Entstehung der 
Kunstgeschichte als Wissenschaft ist bekanntlich dauernd verknüpft mit 
dem Namen Johann Joachim Winckelmanns Wir verehren in Winckel- 
mann denjenigen, der uns der Erste gelehrt hat, das Schöne auch in 
jenen Stilen zu erkennen und zu genießen, die unserer eigenen Zeit ferne 
stehen, die unter ganz anderen äußeren Bedingungen entstanden sind, 
aus ganz anderen Quellen ihre Existenzberechtigung geschöpft haben, 
als die heute gegebenen sind. Aber derselbe Winckelmann, dem unsere 
Zeit so viel Genuss und Anregung verdankt, weil er ihr zuerst die An- 
schauung ursprünglich fremdartiger Kunstwerke erschlossen und vermittelt
	        

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