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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 5)

Es möge hier gleich mit einigen Worten eine sehr wichtige Folge 
Andeutung finden, die der besprochene Umstand auf das Verhältniss der 
einzelnen Künste zu einander ausgeübt hat. In der italienischen Renaissance- 
zeit wurde es gerühmt, dass die Künstler zumeist alle drei großen Disciplinen 
beherrschten; sie waren sehr häufig zugleich Maler, Bildhauer und Archi- 
tekten. Zwei Künste wenigstens beherrschten sie alle; Künstler wie Tizian 
oder Correggio, die blos Maler gewesen sind, waren eben Ausnahmen 
und als solche schon zu ihrer Zeit auffallend befunden. Diese Univer- 
salität der Künstler, die es ihnen gestattete, ein Gebäude mit sammt 
seinem plastischen und malerischen Schmucke als ein Ganzes zu ent- 
werfen, war es hauptsächlich, die uns ihre Werke, sowohl aus der eigent- 
lichen Renaissancezeit, als auch namentlich aus der Barockzeit, so voll- 
endet harmonisch, so wie aus einem Gusse entstanden erscheinen lässt. 
Konnte ein solches Verhältniss auch unter der Herrschaft der neuen, von 
der Kunstgeschichte inspirirten Strömung aufrecht bleiben? Das war schon 
darum unmöglich, weil sich für den Künstler jetzt die Nothwendigkeit 
eines viel tieferen Studiums ergab, um nur ein einziges Kunstgebiet halb- 
wegs beherrschen zu lernen. Der Architekt z. B. hatte sich nunmehr 
wenigstens für monumentale Aufgaben eine Stilweise anzueignen, die den 
früheren Architekten im Wesentlichen fremd gewesen war, die aus Büchern 
erlernt werden musste. Vor Allem hatte er bei den Archäologen in die 
Schule zu gehen. Die Heranbildung eines Architekten nahm bereits so 
viel Zeit und Mühe in Anspruch, der fertige Architekt hatte so viel zu 
thun, um mit der fortschreitenden archäologischen Forschung auf dem 
Laufenden zu bleiben, dass für die Pflege der beiden anderen Kunst- 
gebiete - der Sculptur und Malerei - bei den Allermeislen keine Zeit 
mehr übrig blieb. Mit diesem Einlenken der Kunst in die Nachahmung 
der altgriechischen Antike beginnt daher jene entschiedene Arbeitstheilung 
auch unter den Künstlern Platz zu greifen, wie sie bekanntlich das indu- 
strielle Schaffen der Gegenwart in so markanter Weise charakterisirt. 
Man ist nicht mehr Künstler im allgemeinen Sinne, man ist von nun an 
.nur mehr entweder Architekt, oder Bildhauer, oder Maler. 
Konnte aus einer so peinlichen Nachahmung eines im Grunde so 
ganz und gar fremden Kunststiles, wie es im vorigen Jahrhunderte der 
althellenische gewesen ist, in der That die erwartete Verjüngung, Wieder- 
geburt der Kunst, eine wirkliche Renaissance der Kunst entstehen? Heute 
vermögen wir klar einzusehen, dass es von vornherein ein vergebliches 
Beginnen war, und die ganze Bewegung ist auch schließlich vorüber- 
gegangen, ohne die erwarteten Früchte getragen zu haben. Am Anfange, 
also in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als die Kunst sich 
noch nicht so unbedingt in die Gewalt der Kunstgeschichte begeben 
hatte, als man in der Antike noch nicht so ausschließlich nur das un- 
verfälscht Altgriechische gelten ließ, sondern auch noch das Römische 
verwendete, da kam es eher noch zu einer wenigstens vorübergehenden
	        

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