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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 8)

Kaiser Ferdinand l. zurück. Den Grundstock bildeten gemäß der geschicht- 
lichen Entwicklung die aus dem Mittelalter überkommenen Hoheitszeichen, 
Kleinodien und Reliquien des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. 
Dazu kamen in der Folge vor Allem die auf die österreichischen Erblande 
bezüglichen Hoheitszeichen, wie z. B. die unter Kaiser Rudolf Il. angefertigte 
österreichische Kaiserkrone; daneben aber auch, und von allem Anfange 
an, Kunstgegenstände und Raritäten aller Art, die sich bei dem wachsenden 
Sammeleifer der neuen Zeit stetig vermehrten, so dass die Bestände der 
Schatzkammer im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts stetig anwuchsen, 
bis im 18. Jahrhundert eine rückläufige Bewegung eintrat. lm 18. Jahr- 
hundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, begann man die Werke der 
bildenden Kunst als öffentliche Bildungsmittel anzusehen. Hand in Hand 
damit ging eine strengere Sichtung und Classilicirung der Kunstwerke; 
man hörte auf, Raritätenkammern anzulegen, und war mehr auf Samm- 
lungen von einheitlichem Charakter bedacht, wie sich dies am schlagendsten 
in der Begründung der namhaftesten, heute existirenden Gemäldegalerien 
im 18. Jahrh. ausspricht. Dieser neue Zug des allgemeinen Geistes konnte 
auch an der reichen Wiener Schatzkammer nicht spurlos vorübergehen. 
Es begann auch in Wien die Gründung von Specialsammlungen und damit 
die Abbröckelung von Theilen der ehemaligen einheitlichen Schatzkammer. 
Allerdings hat diese gerade im 18. Jahrhundert eine ihrer namhaftesten 
Bereicherungen erfahren: die Einverleibung des toskanisch-lothringischen 
Hausschmuckes nach dem Tode Kaiser Franz I. (im Jahre t765) und die zu 
gleicher Zeit erfolgte Ueberweisung des Privatschmuckes der Kaiserin 
Maria Theresia. Aber der Process des Systematisirens und Classificirens 
hat seither nur eine stetige Ausbreitung und Vertiefung erfahren und die 
Bestände der Schatzkammer erlitten daher bei jeder Neuorganisirung eine 
Schmälerung. So reich war ihr ursprünglicher Inhalt gewesen, dass immer 
noch etwas zur Vertheilung übrig blieb. Selbst die Neuordnung im Winter 
1871[72 hatte noch viele Gegenstände in der Schatzkammer belassen, die 
man erst anlässlich der Eröffnung der neuen kaiserlichen Museen in den 
Jahren t89o]91 auszuscheiden sich veranlasst sah. Die durch die Aufführung 
dieser neuen Museen gebotene Möglichkeit einer zugleich würdigen und 
lehrreichen Aufstellung brachte endlich den Rest von solchen Gegenständen, 
denen überwiegend blos ein Kunstwerth anhaftet, aus den Räumen der 
Schatzkammer. Diese selbst wurde damit derjenigen Bestimmung zurück- 
gegeben, die wohl auch ihre ursprüngliche im Mittelalter und im Be- 
ginne der neueren Zeit gewesen sein mag: der Bestimmung, den Hausschatz 
der herrschenden Dynastie, im engeren Sinne dermalen also den habsburg- 
lothringischen Hausschatz zu bergen. Es wurde als Grundsatz ausge- 
sprochen, dass die k. u. k. Schatzkammer in Hinkutift nur "solche Gegen- 
stände enthalten solle, die vor Allem durch die ihnen ehedem zuge- 
standene oder noch gegenwärtig zukommende Verwendung die Macht- 
vollkommenheit und den Reichthum der Herrscherfamilie als solche zu
	        

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