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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 3)

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italienische Künstler, Maler, und Dichter um sich, so Petrarca, den Ersten, der den 
Geist des Alterthuuu wieder verstand, aber durch seine ganze Erziehung und Bildung 
mit Frankreich verknüpft, rief Karl aus diesem Lande seinen Dombnumeister und gründete 
nach Pariser Muster die Universität zu Prag. Schon um diese Zeit ist ltalien in seiner 
ganzen Cultur dem Norden um ein Jahrhundert voraus. Während dort dus ganze Volk 
an der geistigen Bewegung lebhaft theilnimmt, zeigt sich in Oestereich bereits jene große 
Lücke zwischen tiefster Gelehrsamkeit auf den Hochschulen und Llnbildung in den 
weiten Schichten der von Kämpfen aller Art in Anspruch genommenen Bevölkerung. Die 
Universität zu Wien glänzt durch Forscher wie Peuerbsch und Regiomontanus und Dichter 
wie Celtis und Andere, ihre Sprache aber, die lateinische, ihre Gesinnung, die huma- 
nistische, bleibt dem Ungclchrten unverständlich. Da nun die Kunst doch immer aus der 
Kraft des Volkes ersprießt, lasst sich begreifen, warum die Renaissance in Oesterreich 
etwas lmportirtes ist. Trotzdem finden sich verhältnismäßig früh die ersten Spuren 
der Renaissance ein. Meist an ornamentalen Werken, kleineren Architekturen, wie Grab- 
denlzmälcrn, und Leistungen des Kunstgewerbes. Hierin versuchen sich die heimischen 
deutschen Meister mit wachsendem Glück, begünstigt durch die hohe Kunstfreude des 
Landesfürsten. Gewaltigsten Aufschwung nimmt dann der neue Stil durch das Hinzu- 
treten wälscher Künstler, die in immer größeren Scharen die Alpen überschreiten und 
bald allerorten thätig sind. So erstehen in Tirol, Steiermark. Böhmen, Kärnten, auch 
in Wier, wohin sich aus Padua und anderen Orten ganze Familien Buchten, um sich 
daselbst ein neues Heim zu bauen, die schönsten Werke einer voll blühenden Renais- 
sance, die neben allen anderen Stilleistungen einen ebenburtigen Rang einnehmen. 
Litteratur - Bericht. 
Papyrus Erzherzog Rainer. Führer durch die Ausstellung. Mit 20 Taf. 
u. 90 Textbild. Wien, Verlag der Sammlung, 1894. 8". 294 S. H. 6. 
Schwerlich wird sich irgend eine Sammlung dei-Weli, sei sie eine kunstgeschicht- 
licht: oder wissenschaftliche, eines IFÜlITETSu rühmen ltoiiiien, wie die berühmte Papyrus- 
sammlung Sr. kais. Hoheit des Erzherzogs Rainer, welche vor wenigen Tagen erst dem 
lt uche des Publicums' zugänglich gemacht worden. Von den vielen Tausenden von 
Schriftstücken, welche den Inhalt der Sammlung bilden, sind iaoo in einigen, den 
Liegenstantlen entsprechend geschmückten Raiumen des Oesterr. Museums ausgestellt, und 
zwar so, dass sie nicht blns der Besichtigung, sondern auch dem Studium dienen können. 
Die decorirten Räume mit dem Arrangement der Einrichtung und Aufstellung bilden 
selber ein kleines Kunstwerk von besonderer Art, das nicht wenig Nachdenken und Ge- 
schicklichkeit von Seiten des Leiters der Sammlung, Professor Kiirabacek, erfordert hat. 
Dasselbe ist der Fall mit dem gleichzeitig erschienenen Werke, das sich bescheiden einen 
lFDlHtrH nennt, in Wirklichkeit aber ein vullstandig ausgefulirter wissenschaftlich be- 
schreibender Katalog ist, der sich seiner typographischen Ausstattung nach ebenfalls als 
ein Kunstwerk darstellt. Es ist nicht unsere Sache, den eminent wissenschaftlichen Werth 
dieses in seiner Art bis jetzt einzig dastehenden Werkes zu würdigen, wir haben es an 
dieser Stelle nur mit der künstlerischen und typographischen Herstellung zu thun, die in 
der Ausführung ebenso vollendet wie rnustergiltig ist. Und das kann man heute nicht 
allzuhäulig selbst von den kostbarsten Praclitwerken sagen. Es ist eine Sache des Ge- 
schmacks, des künstlerischen Urtheils, eine Seite, welche Initialen und Illustrationen ent- 
halten und l'lllI sehr verschiedenen Typen verbinden soll, so zu arrangiren, dass sie einen 
harmonischen Anblick darbietet. Solcher sichere Geschmack ist aber in den Druckereien selten 
zu finden, so selten, dass man im Begriffe sieht, in Wien dafür eine Schule zu errriehten. 
Bald sind die Illustrationen falsch gestellt, bald haben Bilder oder Initialen zu viel oder 
zu wenig Schwärze im Verhaltniss zum Text, bald passen die Lettern in Grüße und 
Art, in Fettheit oder Magerkeit nicht zusammen, und was dergleichen mehr ist. Das 
alles ist Sache eines feineren Gefühls, wobei der Autor selber der Druckerei zu Hilfe 
kommen muss. lii dieser Beziehung nennen wir das in Rede stehende Werk muster- 
giltig, und wenn die k. k. Staatsdruckerei, aus welcher das Werk hervorgegangen ist, 
sich dessen rühmen darf, so hat auch Professor Karabacek ein gut Theil des Verdienstes 
fur sich in Anspruch zu nehmen. 
Das ist aber nicht die einzige Seite, weshalb wir in den nMittheilungen des Oesterr. 
Museums: zu sprechen haben. Uns intereisiren ebenso die Illustrationen um ihrer selbst 
willen, theils weil sie so vortreßlich ausgeführt sind, dass man glaubt, die Schriftstücke 
lagen vor uns, ja viel deutlicher noch als die Originale selber, du bekanntlich die Photo-
	        

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