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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 3)

 
Geschichte der Allgäuer Kunst. Das Chorgestühl in der St. Martinskirche 
zu Memmingen. Studie von Dr. H. Schille r in Mcmmingen. 4". 64 S. 
Der Verfasser macht durch seine Arbeit weitere Kreise mit diesem bedeutenden 
Werke gothischer Holzschnitzkunst bekannt und weist zunächst urkundlich nach, dass 
dasselbe nicht, wie schon behauptet wurde, auf Syrlin und seine Schule, sondern dass 
Architektur und Plastik desselben ausschließlich auf Memminger Meister zurückzuführen 
seien. Das vor nun bald 400 Jahren entstandene Kunstwerk iat in seinen Haupttlieilen heute 
noch erhalten, ohne dass jedoch die Jahrhunderte spurlos an ihm vt-rübergegangen waren. 
Am bedauerlichsten ist, dass die ganze Bekronung des Stuhlwerkes verloren ging. Es 
geschah im Jahre t8t3, dass das in Verfall gerathene zierliche Rankenwerk der Baldachine, 
für dessen Wiederherstellung zu iener Zeit sowohl Geld als Verstandniss mangelten, ein- 
fach weggeschnitten wurde. Glücklicherweise gelang es dem Verfasser noch eine Anzahl 
von Bruchstücken der Bekronung aufzufinden. welche für die nun im Gange befindliche 
Restaurirung, mit deren Oberaufsicht Prof. Hauberisser in München betraut ist, als An- 
haltspunkte dienen. 
Das Geatülil is: eine ganz bedeutende Anlage. Es nimmt die beiden Langseiten des 
Chores ein und besteht aus 63 Sitzen (Ulm 89 Sitze). welche in zwei Reihen hinter- 
einander angeordnet sind. Das Material ist Eichenholz. Die Rückwand der hinteren Reihe 
ist reich gegliedert, sie ist der Hohe nach in drei Theil: getheilt, deren beide unteren Felder 
mit Ornamentranlten, geometrischen lntarsien und lnschriften, letztere auf farbigem 
Grunde, verziert sind. Den bedeutendsten Schmuck der Rückwand zeigt das oberste Feld 
derselben, welches unter einem Baldachingewolbe ein in Hochrelief geschnitztes Brust- 
bild enthält. Solcher mit Btustbiidctn gezierter Baldachine enthält das Chorgestühl 36; 
dazu kommen als tiguraler Schmuck desselben noch I4 Seitenfiächen und tz Stuhlwangen- 
beltrontingen. 
Sehr gut erhalten sind die Reliefs unter den Baldachinen, die unteren Figuren da- 
gegen sind stark verunstaltet, sie boten reichlich Gelegenheit zu Verstümmelungen der 
rohesten Art. Nebst der Restaurirung der Beltronung wird die Gutmachung dieser Schaden 
den schwierigsten Theil der Wiederherstellung bilden. 
Die Verfertiger des Stuhlwerkes sind nach Dr. Sciiillefs archivalischen Forschungen 
der Tischler Heinrich Stark und der Bildschnitzer Hans Daprazhauser, beide 
Memminger Meister und Bürger. l)er Beginn der Arbeit fällt in das Jahr t5ot, im Jahre 
1507 wird die letzte Zahlung erwahnt. 
Was den Inhalt des Gguriichen Schmuckes hetrilft, so gliedert er sich in zwei 
Haupttheile, in einen oifenbarungsgeschiclitlichen und in einen localgeschichtlichen Cyclus. 
Der erstere ist unter den genannten Baldachinen angebracht und enthält die Brustbiltier 
von u. heidnischen Sibyllen, tt jüdischen Propheten, sowie von Christus und den 
1a Aposteln in Hochrelief. Diese 36 Reliefs bilden eine fortlaufende Reihe. Unter den- 
selben beftnden sich die schon erwähnten Aufschriften und zwar unter den Sibyllen und 
Propheten der Name und je ein Ausspruch der betreffenden Person; an diese Stimmen 
der Weissagung schließen sich unter den Apostelbildern die Sätze des Glaubensbekennt- 
nisses an, unter dem Bilde Christi stehen die Worte: i-Gehet hin in alle Welt etcu 
Während die bis jetzt genannten Figuren durch Namenschild und Spruchtafel kenntlich 
gemacht sind, weisen die übrigen 30 Eguralen Darstellungen nichts derart auf. Dr. Schiller 
reiht sie sammtlich dem localhistnrischen Cyclus ein, der lauter Personen umfasst, welche 
mit dem Memminger Gestühl selbst in einem spectellen Zusammenhang stehen und so 
linder Dr. Schiller außer den damaligen geistlichen Würdenträgern, dem Bürgermeister 
sammt Frau und vielen städtischen Beamten Memmingens auch die Verfertiger des Stuhl- 
werkes, den Tischler Heinrich Stark, den Schnitzer Hans Daprazhauser und den Maler 
der reichen lnschriften Bernhard Strigel im Reliefbilde verewigt. H-e. 
-In einer v-Barthel Beham und der Meister von Messkirclu (Straßburg, 
Heitz, 1393, 3", 94 S.) betitelten Studie unternimmt es Dr. Karl Koetschau, die 
bisher dem ersteren Meister zugeschriebenen Bilder, die im Auftrage des Grafen von 
Zimmern entstanden sind, um einen anderen bisher anonymen Meister zu gruppiren, 
dem er vorläufig die Bezeichnung des nMeisters von Messkircb- geben zu sollen glaubt. 
Noch eine Anzahl anderer. aämmtltch in den Umgegenden des Bodensees entstandener 
Bilder lasst sich nach K. demselben Meister zuschreiben. Behufs Demonstration der von 
dem Meister entworfenen Charakterisirung erscheinen acht Lichtdrucke beigegeben
	        
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