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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 3)

wie es heute in dieser Intensität nur mehr Japan aufzuweisen vermag. 
In der Erinnerung an diese Münzen rief Goethe, nachdem er zu Palermo 
das Cabinet des Fürsten von Torremuzza gesehen hatte, entzückt aus: 
v-Welch' ein Gewinn, wenn man auch nur vorläufig übersieht, wie die 
alte Welt mit Städten übersäet war, deren kleinste, wo nicht eine ganze 
Reihe der Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns 
in köstlichen Münzen hinterließ. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein 
unendlicher Frühling von Blüthen und Früchten der Kunst, eines im 
höheren Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr 
hervor. Der Glanz der sicilischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt aus 
diesen geformten Metallen wieder frisch entgegenm 
In der That ist dieses älteste Geld an Schönheit der Arbeit, vor 
Allem aber in seinem unnachahmlichen Stilgefühle von keinem späteren 
mehr erreicht worden. Wer die prächtigen Lichtdrucktafeln von Percy 
Gardners uTfpeS of greek coinsu (Cambridge x883) durchblättert, wird 
sich, falls sein Auge nur einigermaßen empfänglich ist, davon über- 
zeugen; die Art, wie diese kleinen Darstellungen in den Raum componirt 
sind, wie sie in ihren engen Grenzen das Bedeutende bedeutend und 
doch so zierlich geben, alles das erzeugt in uns jenes glückliche, vor 
modernen Kunstwerken nur zu selten erweckte Gefühl, dass hier alles 
Wesentliche gegeben, nichts hinzu und nichts hinweg zu wünschen sei. 
Dazu kommt ein historischer Hintergrund, wie ihn, freilich in ganz an- 
derer Weise, nur noch die Münze des römischen Weltreiches aufweist: 
das weite Mittelmeer mit dem vielbewegten materiellen und geistigen 
Verkehre seiner Griechencolonien von den Küsten Spaniens und der Pro- 
vence bis zum Meeresstrande der lybischen Wüste und dem unwirth- 
lichen Miindungsgehiete der sarmatischen Ströme. 
Nähert sich die griechische Städtemünze darin, dass sie uns das 
Leben des Gemeinwesens wiederspiegelt, unserer heutigen Medaille, so 
fehlt ihr eine andere wichtige Seite derselben fast völlig: die historische. 
Für die althellenische Kunst ist dies Fehlen historischer Darstellung über- 
haupt bezeichnend; sie steht darin im Gegensatze zu der altorientalischen 
mit ihren weit ausgesponnenen Bilderchronilten, aus der sie hervor- 
gewachsen ist. Selbst das bedeutendste nationale Ereigniss, welches über 
das gesammte Althellas gekommen ist, der Freiheitskrieg gegen Persien, 
ist in der Kunst den heroischen Darstellungen der Amazonen- und 
Gigantenkämpfe parallel gesetzt und in deren Sphäre gehoben worden. 
Das wurde anders, nachdem Alexander von Makedonien auf seinem 
abenteuernden Siegeszuge die Thore Indiens durchschritten und den Orient 
eröffnet hatte. Bis nach Baktrien hinein herrschten griechische Höfe, 
herrschte griechische Sprache und drang der Einfluss griechischer Cultur. 
Aus ihren engen kleinstädtischen Beziehungen sahen sich die Hellenen als 
Herren auf einen uralten historischen Culturboden, in ganz neue große 
Verhältnisse versetzt: an den Höfen der Diadochen und Epigonen ging
	        

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