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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 4)

Vor Allem bedeutet diese Aenderung die völlige Lösung der Me- 
daille von der Münzwerkstatt und damit ihre Selbständigkeit, aber auch 
größere künstlerische Freiheit. Denn während die mechanische Arbeit des 
Prägesternpels lauter gleiche Exemplare fabrikartig in großer Zahl liefert, 
bedarf das gegossene Stück der Ciseli rung durch die Hand des Meisters; 
jede solche Medaille stellt also eine Individualität dar. Dann ist die Technik 
des Stempelschneidens eine mühsame, die wie jedes Handwerk von Grund 
auf gelernt sein will; die Anfertigung des in weichem Material herge- 
stellten Gussmodells ist dagegen ein Verfahren, das jedem, der in halb- 
erhobener Arbeit halbwegs gewandt ist - und das war in der Zeit der 
Frührenaissance jeder Maler - leicht von der Hand geht. Ganz so ist 
später die Radirung ihrer leichteren Technik wegen, im Gegensatz zum 
mühsamen Kupferstich, eine Domäne der Maler geworden. Und wie bei 
dieser der weiche Wachsüberzug der Kupferplatte schnell und willig auch 
die feinsten Striche der Nadel aufnimmt, wie jeder Fehler sofort ver- 
bessert werden kann, ohne die Arbeit zu gefährden (während im Kupfer- 
stich wie im Stempelschnitt die größte Behutsamkeit nöthig ist und Ver- 
schneidungen mindestens lästige Verzögerungen nach sich ziehen), - so 
fügt sich auch das weiche Material des Gussmodells (in Italien zumeist 
Thon, auch Wachs, in Deutschland jedoch Kehlheimer Stein und Holz 1') 
leicht jeder Laune des Künstlers, der mit völliger Freiheit über seinem 
Stoff waltet. 
Die gegossene Medaille beherrscht das ganze Quattrocento, welches 
mit dem Beginne des i6. Jahrhunderts in Deutschland die eigentliche 
goldene Zeit dieser Kunst ist. Eine Aufzählung der Künstler würde blos 
ermüden: es hieße doch nur Namen nennen, wenn die Werke nicht zur 
Hand sind; und auch diese vermag man nur aus den seltenen Original- 
ciselirungen vollständig kennen zu lernen. Dem Pisanello sind eine Reihe 
bedeutender Künstler gefolgt, darunter nicht wenige, die wie er Maler von 
Ruf waren: Gentile Bellini von Venedig, Caroto von Verona, Foppa aus 
Mailand, der Bolognese Francia, der Florentiner Antonio Pollajuolo, viel- 
leicht auch Filippino Lippi. Aber der Veronese bleibt doch der eigent- 
liche Repräsentant und seine Arbeiten Vorbild für alle Zeiten. In der 
herben Frische seiner Porträts, die im echten Medaillenstil alles Wesent- 
liche ohne beschwerendes Detail geben, sind ihrn nur wenige nahe ge- 
kommen, am meisten vielleicht sein Nachfolger und Landsmann Matteo 
de' Pasti, der im Solde Malatesta's von Rimini stand. Unübertrolfen sind 
die Reversseiten seiner Werke. Sein Relief ist zugleich malerisch, ohne 
in die Fehler des Barocco zu verfallen, und plastisch, ohne durch über- 
trieben kräftige Arbeit den Medaillenstil zu gefährden. Compositionen 
") Dieser nationale Unterschied ist sehr charakteristisch: In Italien ist die Malerei 
mit dem Goldschmiede-Atelier enge verbunden, im Norden mit der Bildschnitzerei. Wie 
innig die neue Oeltuulerei des van Eyck mit dieser zusammenhängt, braucht nicht erst 
hervorgehoben zu werden.
	        

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