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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 4)

In der Medaillenkunst vollzieht sich jetzt ein beträchtlicher Um- 
schwung. Die Gussmedaille mit ihren künstlerischen Intentionen, welche 
früher fast ausschließlich geherrscht hatte, verschwindet völlig und macht 
auf's Neue der geprägten Medaille Platz. Die Privatmedaille tritt auch 
in Deutschland immer mehr zurück, um im 18. Jahrhundert ganz zu ver- 
schwinden; an ihrer Stelle erscheint die officielle, die Staatsmedaille, als 
Dienerin und Ruhmesverkünderin der Höfe. Aehnlich wie im altrömischen 
Imperium wird die Medaille jetzt in Frankreich eine staatliche Institu- 
tion; in das Jahr 1663 fällt die Gründung der nAcadernie des Inscriptions 
et de Numisruatiqueu, der die Aufgabe zufällt, die Darstellungen für die 
Medaillen, welche die königliche Münze alljährlich auf die Ruhmesthaten 
des wRoy soleilr- prägt, mit gelehrter Allegorik zu erfinden und mit 
tönenden sinnreichen Aufschriften zu schmücken. So entsteht die lange 
Reihe der nI-Iistoire metalliqueu, welche noch unter Napoleon I. fort- 
geführt worden ist, weniger durch künstlerischen Geist als durch saubere 
Technik ausgezeichnetü). Da Versailles der Spiegel für die anderen 
großen und kleinen Höfe ist, so findet dies Beispiel flugs Nachahmung 
und auch die kleinsten deutschen Sedezfürsten gefallen sich darin, ihre 
Regierungshandlungen, den Sturm im Wasserglase, auf möglichst pom- 
pösen Medaillen verewigen zu lassen. 
Auch gegenständlich erfährt die Medaille jetzt eine gewaltige Aena 
derung M). Die historischen Darstellungen aus der zeitgenössischen Ge- 
schichte, früher ziemlich selten, treten jetzt natürlich in den Vordergrund. 
Der Stil dieser Compositionen ist uns wohl bekannt, es ist der in den 
historischen Panegyriken, in den Dedicationen dieser Zeit mit ihren alle- 
gorischen Kupfern herrschende, mit dem ganzen Aufwande der uma- 
chineu von römischen Gottheiten und Heroen, der Stil, der seinen classi- 
schen Ausdruck in der regulären französischen Tragödie gefunden hat. 
Das Empire Napoleon's I. verhilft der schon früher unter dem Ein- 
flusse der antiken Studien gegen dieses Barocco} eingetretenen Reaction 
zu vollständigem Siege. Unter den Trümmern des alten Regime, unter 
dem ungeheuern Wirrsal der napoleonischen Kriege liegt auch die alte 
Kunst begraben: zum ersten Male im Laufe der Geschichte ist der Faden 
ihrer historischen Entwicklung vollständig abgelaufen. Was könnte besser 
H) Guißrey, Histoire metallique, Melanges de numismatique, vol. Ill; derselbe in 
der Revue numisrnatique, lllß serie t888; Mazerolle, Les grands medailleurs franeais, 
Gazette des beaux-arts 1892; Rondot, Claude Warin, Revue nun-iisluat. tSSB. 
") Noch früher, schon im t6. Jahrhundert, zeigen die Rechenpfennige in Frank- 
reich - als Neujahrsgeschenke (jetons dR-Strennes) von großer socialer Bedeutung und 
massenhaft verbreitet-,Darstellungen, welche auf die zeitgenössische Geschichte anspielen, 
in Frankreich mehr in höüsch allegorischer Form, während sie in den Niederlanden po- 
litische Erinnerungen oder Bestrebungen, oft in satyrischer Form, zum Ausdrucke bringen. 
Die französischen Amtsjetons sind als Vorlaufer der Histoire metallique zu betrachten. 
Vergl. den ausgezeichneten Aufsatz von A. Nagl, Die Rechenpfennige und die operative 
Arithmetik, Wien 1833. (Separatabdruck aus der Numismat. Zeitschrift.)
	        

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