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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 4)

carme, der zuerst die gräuliche Sitte des Glattpolirens umgangen hat, 
der tüchtige, in großem Format arbeitende Chapl ain, ferner Degeorge, 
bis hinab zu den Allerjüngsten, wie Tusse t. So Tüchtiges diese Künstler 
auch geleistet haben und leisten, an Originalität nnd Feinheit der Em- 
pfindung und Technik wird Roty von keinem erreicht. 
Das Studium der Quartrocento-Medaille macht sich bei ihm sofort 
bemerklich. Zwar dient ihm die italienische Frührenaissance nur selten 
als directes Vorbild, wie an der großen Medaille mit dem Brustbild 
der Republique francaise. Aber das gern gewählte Plaquettenformat, 
seine ganz eigenthlimliche stil- und charaktervolle Capitalschrift ohne 
langweiligen Linien- und Perlenrand, die mit Vorliebe angewandte Guss- 
technik (der Künstler arbeitet sogar mit dem verlorenen Wachsmodell, 
um möglichste Feinheit der Details zu erzielen), alles das zeugt von seiner 
Beschäftigung mit den altitalienischen Medaillen. Es sind dies nur scheinbar 
Aeußerlichkeiten; Roty's Werke zeigen, wie dies Studium in seiner 
genialen Natur fast ohne Rest aufgegangen ist, denn der Künstler ist 
durch und durch modern im besten Sinne des Wortes. Nebenbei sei 
erwähnt, dass er sich auch als Münzstempelschneider mit Glück versucht 
hat: Beweis dafür ist das roo-Francstück, das er für das Fürstenthum 
Monaco gearbeitet hat. Auch als Bildner im Großen ist er ab und zu thätig; 
zwei Reliefs am Hötel de Ville in Paris, die Malerei und Musik dar- 
stellend, sind von seiner Hand. 
Als Porträtist steht Roty auf der schwer genug zu erreichenden 
Höhe seiner Aufgabe. Das runzelige Alter gelingt ihm ganz besonders, 
nicht minder aber die jugendliche Frau, bei der ihm ein ganz eigenthüm- 
licher zarter und etwas herber Typus - auch in seinen allegorischen Figuren 
bemerklich - besonders zu behagen scheint, sowie, wohl aus demselben 
Grunde, das Kinderporträt. Es sei nur auf Einzelnes der Collection des Mu- 
seums hingewiesen, auf das schöne Doppelporträt der Eltern des Künst- 
lers; auf die köstliche Medaille des Sir John Pope, wo der Typus des 
alten Engländers ganz unnachahmlich erfasst ist; auf das Bildniss seiner 
Tochter Jeanne mit der trefflichen Charakteristik des unreifen Mädchens; 
auf ein anderes Doppelporträt, des Fabrikanten Pierre Boulanger und 
seiner Frau, wahre Prachtexemplare des alten Pariser Bürgerstandes; 
endlich auf ein Cabinetstück, das mit rücksichtsloser Realistik ausgeführte 
Porträt der Mme. Boucicaut, einer beleibten, nichts weniger als anmu- 
thigen Dame. 
Als genialen Künstler zeigt sich Roty nicht minder in den Reversen 
seiner Medaillen. Genredarstellungen, wie auf der Erinnerungsmedaille an 
seine Freunde: nln labore quiesw das lesende Mädchen unter einem 
Eichbaume in blühender Landschaft, die Plaquette mit dem strickenden 
Hirtenmädchen und der Schafheerde, ein Hors d'oeuvre, wie die schlafende 
Venus mit Amor am Busen, sind nicht nur technisch Meisterstücke 
allerersten Ranges, sondern gehören überhaupt zu dem Vorzüglichsten,
	        

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