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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 4)

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Radirungkann ebensowohl von äußerster Zartheit sein, wie vom kräftigsten 
EHect, ebenso duftig und leicht wie von samrnttiefer Schwärze, scharf 
umrissen wie von poesievoller Stimmung. Und ein jeder Künstler erreicht 
dabei, was er will auf seine eigene Weise. 
Heute ist diese Malerradirung nicht ausgestorben; im Gegentheil 
man kann sagen in den letzten Jahrzehnten ist sie wieder aufgelebt 
in einer Ausbreitung, wie sie früher nicht existiert hat. Seit einigen 
Jahren haben sich sogar in verschiedenen Kunststädten Radirclubs 
gebildet, welche aus dieser Kunstweise sozusagen Profession machen. 
Manche Maler haben ihre Malerei ganz für die Radirung aufgegeben. 
Daneben aber hat sich die Radirung heute ein anderes Feld erobert und 
das ist die Wiedergabe von Gemälden, also eine richtige Vervielfältigungs- 
kunst fremder Erfindung. Und auch in diesem ihren Zweige ist die 
Radirung individuell, originell geblieben oder vielmehr erst geworden. 
Denn nunmehr handelt es sich nicht blos darum, das Bild in seiner 
Zeichnung wiederzugeben, sondern auch in seiner ganzen malerischen 
Wirkung. Der leichte Duft, wie die satte Tiefe, die stille, sanfte Stim- 
mung des Waldes und die sturmbewegte See, die Harmonie des Colorits 
und die Stärke oder Schwäche der einzelnen Farben und Töne, ihr Ver- 
halten zu einander, das alles soll und muss diese nachbilclende Art der 
Radirung, wie sie heute mit allerlei Finessen geübt wird, mit kalter 
und warmer Nadel, starker und schwacher Aetzung, mit Tönung der 
Flächen, kann das alles leisten, aber sie fordert auch einen in seiner Art 
geistreichen und findigen Künstler, der weiß, wie er mit seiner scheinbar 
so einfachen Technik das alles auszudrücken hat. Und darin eben zeigt 
sich die Originalität des Radirers, seine Individualität, die seinen Erfolg 
und seinen Ruhm bildet. 
Fast scheint es, als wolle es heute mit der Lithographie ähnlich 
werden. Dem Malerradirer ist der Malerlithograph an die Seite getreten. 
ln Paris hat sich sogar ein Club solcher Malerlithographen gebildet. Seit 
Jahrzehnten, seit der Ausdehnung der modernen mechanischen Verviel- 
fältigungsverfahren war die Lithographie als Kunst ganz in Vergessen- 
_heit gerathen und wurde nur noch für populäre Arbeiten benützt, welche 
auf künstlerischen Werth keinen Anspruch machten. Aber wie in der Ra- 
dirung die Hand wieder in Schätzung gekommen, so haben es auch Künstler 
in jüngster Zeit wieder einmal mit der Lithographie versucht und siehe 
da! sie sind zu Resultaten und EHecten gekommen, welche dieser Kunst- 
zweig in seiner Blüthezeit nicht gekannt hatte. Die Lithographie, die 
sonst in unbestimmtem Grau und in weichen, verschwomrnenen Tönen 
arbeitete, erlaubt in der That eine große Kühnheit, wenn der Künstler 
sie zu benützen versteht; sie erlaubt starke Gegensätze und größere 
Flächen von Schwarz und Weiß einander gegenüber zu stellen. Sie erlaubt 
auch eine derbere Strichtnanier nach alter Holzschnittweise, wie sie weder 
Radirung noch Kupferstich zu Gebote steht. 
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