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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 5)

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sonst sein soll. Wenn das Gefäß wirklich, wie der Text als wahrschein- 
lich annimmt, für Zinn berechnet sein sollte, wäre dern Trinker besondere 
Vorsicht zu empfehlen, damit er nicht den nHenkelm ohne den Krug in 
der Hand behielte. Das Preisgericht räth auch dem Künstler, dieses nex- 
centrische, unnütze und ungraziöse Anhängsela zu beseitigen, hat aber 
demungeachtet, und obgleich es den ganzen Entwurf als wplump und 
wenig praktische erkennt, ihn einer "Mention sans medailleu gewürdigt. 
Dies ist nicht der einzige Fall, in dem das Preisgericht unseres Er- 
achtens zu nachsichtig vorgegangen. Der umfangreiche Bericht in der 
Revue des arts decoratifs ist überhaupt von allgemeinerem Interesse. 
Fast bei allen Aufgaben wird bemerkt, dass die Bewerber (24,0 mit 340 
Zeichnungen oder Modellen!) die Bedingungen der Ausschreibung ent- 
weder nicht gelesen, oder nicht verstanden, oder doch nicht berücksichtigt 
haben - was bekanntlich auch anderswo vorkommt. Uns wird ein Urtbeil 
durch die Unklarheit vieler Lichtdruckabbildungen erschwert. Doch stellen 
sich ohne Frage die gekrönten Entwürfe für elektrische Beleuchtung am 
erfreulichsten dar. Die Künstler waren _mit Erfolg bestrebt, die Metall- 
verbindungen auf das allernothwendigste zu beschränken, und Haupt- 
und Nebenquellen des Lichtes sinnreich zusammenzustellen. Am gewag- 
testen" ist die Lampe, die in Gestalt der Erdkugel an einem Wolken- 
gebilde hängt, aus dem einzelne Strahlen hervorschießen. Zwei andere 
sind als weite Blumenschalen aus geschliffenem Glase behandelt, die eine 
davon in einem Korbe aus Zweigen mit Blüthen und Vögeln hängend; 
beide machen den Eindruck der Leichtigkeit und ermöglichen das An- 
bringen einer Fülle von Leuchtkörpern. 
Schon bei den Trinkgefäßen, und viel mehr noch bei den Buch- 
einbänden fällt auf, dass die Künstler, die scheinbar die Absicht hatten, 
der Natur neue Motive abzulauschen, thatsächlich die Japaner copiren 
oder doch japanisiren. Eine Ausnahme macht in der ersteren Classe ein 
Kelch, für den die Distel benützt worden ist, Blätter am Ständer, Bllithen 
an der Cuppa. Die Ausschreibung lautete Concours entre artistes et in- 
dustriels, und legte den ersteren ausdrücklich nahe, sich mit den letzteren 
zu verständigen, damit Dinge geliefert würden, die von der Industrie aus- 
geführt und auch verwendet werden könnten. Das ist, wie der Bericht 
sagt und der Augenschein bestätigt, fast allgemein außer Acht gelassen 
worden. Es ist undenkbar, dass ein Goldschmied einen Krug genehmigt 
hätte, dessen Boden mit breitem Stehrande nach unten gewölbt sein soll 
wie eine Unterschale, während der Rand unmittelbar in einen sich all- 
mälig verjüngenden Henkel übergeht, u. dgl. m. Auf den Einbänden 
vollends wuchern die Wolken von tauschirten Gefäßen, die regellos ver- 
theilten Pflanzen und Vögel Ostasiens. Die Gesellschaft hatte gewünscht, 
originelle Typen zu erhalten, die mit Fileten und Stempeln hergestellt 
werden, mithin eine vielfache Verwendung finden könnten, für eine be-
	        

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