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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 5)

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eigniss. Es galt, die Welt wieder in Ordnung zu bringen nach den Ver- 
änderungen, welche die langen französischen Kriege herbeigeführt hatten, 
nach der Auflösung alles Bestehenden und Hergebrachten in der politischen 
Lage Europas und Deutschlands insbesondere. Der Friede war ge- 
schlossen, nothdürftig, aber eine neue Ordnung sollte an die Stelle der 
alten treten, die sich nicht mehr wiederherstellen ließ. Tausende der 
verschiedensten Interessen, Ansprüche und Forderungen kreuzten sich und 
sollten befriedigt und versöhnt werden. 
Zu diesem Zwecke versammelten sich, eingeladen von Kaiser Franz, 
die siegreichen Herrscher Europas, an ihrer Spitze der Kaiser von Russ- 
land und der König von Preußen; mit ihnen kamen ihre Staatsmänner, 
Diplomaten, Generale. Es kamen die deutschen Fürsten, die souveränen 
und die mediatisirten, möglichst bedacht, in der neuen Ordnung der 
Dinge ihre Interessen wahrzunehmen, ihre alten Rechte wiederherzustellen. 
Es kamen die Vertreter, wenn nicht die Herrscher selber, aller Staaten, 
welche von dem Sturme der letzten Jahrzehnte betroffen waren - und 
keiner war ausgenommen. Es folgten ihnen die Damen, ihre Gemahlinnen 
und Töchter; es folgten zahlreiche bedeutende, berühmte oder auch 
abenteuernde Persönlichkeiten beiderlei Geschlechtes, welche das groß- 
artige Schauspiel, das der Welt hier geboten wurde, herbeizog. Die Welt 
gab sich ein Rendezvous in den Mauern des alten Wien. Was sich hier 
zusammenfand und ereignete, darf in Wahrheit als ein großartiges Zeit- 
bild betrachtet werden. 
Die Politik führte freilich das erste Wort. Aber was sie trieb, voll- 
zog sich am grünen Tische geheimnissvoll in geschlossenen Räumen, in 
den Conferenzen der Minister und Gesandten oder im lntriguenspiel, das 
wechselvoll in ausgedehntestem Maße die Gelegenheit erhielt sich zu ent- 
falten. Das Schauspiel, das die Welt erblickte und die BewohnerschaftWiens 
miterlebte, war das unaufhörlicher Feste vom Einzuge der großen Mon- 
archen angefangen bis zum Tage, da die Rückkehr Napoleon's von Elba 
und die Nachricht seiner triumphirenden Ankunft in Paris dem Congress 
ein unerwartetes Ende bereitete. Bis dahin folgte ein Fest dem andern; 
militärische Schauspiele, Revuen und Paraden spielten kaum die erste 
Rolle; der Tanz stand bei weitem in erster Linie. Bälle, maskirte wie 
unmaskirte, Redouten und Maskeraden, Diners und Soireen, Caroussels, 
Schlittenpartien, Jagden, Ausflüge in Nah und Fern, selbst bis nach Ofen 
und Pest, irgend etwas solcher Vergnügungen gab es jeden Tag, und oft 
war der ganze Tag vom Morgen bis zum Ende der Nacht von einer 
Reihenfolge von Unterhaltungen eingenommen. 
Der Hof machte den Anfang; Kaiser Franz betrachtete alle 
Fremden als seine Gäste, und der Kaiser von Russland, die Könige und 
ihre Gemahlinnen mit deren gesammtem Hofstaate waren in den Räumen 
der kaiserlichen Burg untergebracht. Dem Hofe folgten die Staatsmänner, 
die heimischen und die Fremden, Fürst Metternich an der Spitze, mit
	        

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