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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 6)

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Rankenornament immer noch mehr oder minder der pflanzlichen Er- 
scheinung im allgemeinen Rechnung getragen. 
' Den entscheidenden Schritt aber nach der angedeuteten Richtung, 
den die Byzantiner zurückzulegen noch zögerten, haben jene Orientalen 
gethan, die infolge des Auftretens Muhammeds unter die Herrschaft des 
Islam gerathen sind. Wir pflegen alle diese weithin zerstreuten Völker 
verschiedenster Rasse, die ursprünglich nur durch das gemeinsame Band 
des religiösen Bekenntnisses, d. i. des Islam, zusammengehalten waren, 
als Sarazenen zu bezeichnen. Die Sarazenen nun haben das Bilder- 
verbot ausdrücklich in ihr Hauptgesetzbuch, den Koran, aufgenommen. 
Zwar bezog sich dieses Verbot ursprünglich blos auf Darstellungen, die 
mit dem Cult zusammenhingen, und wurde erst in weiteren Jahrhun- 
derten, namentlich seitdem das türkische Element die Oberhand gewonnen 
hatte, mehr in's Allgemeine ausgedehnt. Aber für die Ausbildung einer 
maßgebenden Profankunst war jene Zeit noch keineswegs entsprechend 
ausgestattet, und indem der figürlichen Darstellung in der religiösen 
Kunst kein Raum verblieb, wurde ihr damit zugleich der fruchtbarste 
Nährboden überhaupt entzogen. Wo aber keine auf die Schaffung von 
figürlichen Compositionen gegenständlichen Inhalts ausgehende Kunst, 
dort muss dagegen gerade die decorative Kunst die üppigste Entwicklung 
finden, denn das Streben nach Kunstschaifen, nach Umbildung der rohen 
Materie zu schönen augerfreuenden Formen ist ja dem Menschen unver- 
tilgbar eingeboren, und musste auf einer verhältnissmäßig so hohen 
Culturstufe, auf der sich die Sarazenen im Mittelalter befanden, unwider- 
stehlich nach Bethätigung drängen. Das wichtigste Element nun, das die 
Ornamentik dem Mittelalter überliefert hatte, war die Pflanzenranke. 
Diese Ranke übernahmen die Sarazenen und bildeten sie entschieden und 
consequent in dem specifischen Sinne ihrer ganzen Culturtendenz, d. h. 
gemäß einer nichtsinnlichen, übernatürlichen, also abstract-geometrischen 
Stilisirung aus. Das Product dieses Processes kennen wir in der Arabeske. 
Die Arabeske ist der directe Abkömmling des antiken Rankenomaments, 
und zwar sein vornehmster und rnaßgebendster Abkömmling. Niemals im 
bisherigen Verlaufe der Kunstgeschichte hat das Rankenornament eine so 
überwiegende, ja geradezu alleinherrschende Stellung und Bedeutung 
erlangt, wie in der sarazenischen, oder wie der gemeine Sprachgebrauch 
gewöhnlich zu sagen pflegt, der orientalischen Kunst, als Arabeslre. Auch 
auf die abendländische Kunst hat das arabeske Rankenornament wiederholt 
einen sehr beachtenswerthen Einfluss ausgeübt. 
4 Eine so unumschränkte Herrschaft wie im Orient konnte das Ranken- 
ornament im Westen, bei den europäischen Kunstvölkern, niemals, weder 
im Mittelalter noch in der neueren Zeit gewinnen. Der abendländi- 
schen Kunst blieb die Darstellung der menschlichen Figur allezeit das 
zu erstrebende Höchste, sei es um ihrer selbst willen, sei es zur Ver- 
sinnlichnng göttlicher Macht und Größe. Aber im Ornamegt blieb der
	        

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