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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 6)

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Ranke nichtsdestoweniger ein vornehmer Platz vorbehalten. Am Beginne 
des Mittelalters freilich trat sie zunächst an Bedeutung zurück. Den 
Völkern, die da als Neulinge auf der politischen Schaubühne erschienen 
und in politischer Beziehung die Herren und somit auch die präsumtiven 
Culturträger des Westens geworden waren, mangelte es zunächst an den 
entsprechend hoch und feingestimmten Kunstorganen, um die künst- 
lerische Bedeutung der Rankenornamente zu würdigen. Der sogenannte 
Völkerwanderungsstil erscheint geradezu charakterisirt durch die Bevor- 
zugung, welche darin den einfacheren Ornamentformen von mehr mine- 
ralisch-geometrischem Charakter, dem Zickzack, dem Flechtbande u. dgl. 
zugewendet wurde. Wo sich die fortlaufende Wellenranke vorfindet, dort 
erscheint sie in möglichst geometrischer Charakterisirung, als Spiralranke. 
Erst in der Zeit Karl's des Großen waren die Franken und die mit 
ihnen politisch verbundenen germanischen Völker zu jener Reife des 
Kunstverständnisses gediehen, dass sie allmälig auch das Pflanzenornament, 
und darunter insbesondere die Ranke zu würdigen lernten. Die bekannte 
Bibel Karls des Kahlen zeigt bereits das Pßanzeuranltenornament wieder 
als maßgebendes Verzierungselement. Und zwar ist dasselbe naturgemäß 
gezeichnet und ausgeführt in engster Anlehnung an antike Vorbilder aus 
der römischen Kaiserzeit. Es rist die erste Renaissance der Antike, die 
wir in karolingischer Zeit zu verzeichnen haben. Die daraulfolgende ro- 
manische Kunstperiode bedeutet auch in Bezug auf das Rankenornatnent 
blos eine Fortentwickelung der in der karolingischen_Kunst wieder zur 
Herrschaft gelangten spätantiken Formen. 
Von allen Stilperioden, die seit dem Ausgange des Alterthums bis 
auf den heutigen Tag im christlichen Abendlande einander abgelöst 
haben, ist die gothische diejenige gewesen, in welcher man sich von 
der klassischen Antike am weitesten entfernt hat. Von einer Stilweise, die 
in den Zierformen blos den Wiederklang der structiven Principien und 
Formen erkennen wollte, hatte das Rankenornament begreiflichermaßen 
wenig zu erwarten. Und in der That ist die Verwendung des Ranken- 
ornaments, wenigstens nordwärts der Alpen, in der gothischen Zeit eine 
verhältnissmässig beschränkte gewesen. Aber völlig unterdrückt konnte 
es auch damals nicht werden, wenngleich die Stilisirung des Akanthus 
von der seit römischer Zeit üblichen und herkömmlichen beträchtlich ab- 
wich. S0 entstand das gothische Kriechwerk, ein lappig gegliedertes 
und in krausen Contouren dahinschlurfendes Laubgewinde, das aber im 
Grunde deutlich das Schema der fortlaufenden Wellenranke einhmt. Es 
ist dies die weitgehendste Annäherung an die geometrische Stilisirung, 
die man im Abendlande mit der Akanthusranke jemals vorgenommen hat: 
aber von jener wirklich geometrischen Charakteristik, wie sie das Ranken- 
ornament in der sarazenischen Arabeske gefunden hat, ist das gothische 
Kriechwerk noch, unendlich weit entfernt. Und wie unnatürlich diese 
gothische Bildung des Rankenwerks im Abendlande selbst empfunden
	        
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