MAK

Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 6)

hat, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Die bedeutendsten 
unter den einschlägigen Funden wurden in den Ruinen des Herren- 
schlosses von Mykenä gemacht, und man hat sich hienach gewöhnt, 
diese ganze Cultur als mykenische Cultur, die damit zusammenhängende 
Kunst als mykenische Kunst zu bezeichnen. Auch in Bezug auf die 
Datirungsfrage ist man noch nicht zu völlig übereinstimmenden und jede 
Controverse ausschließenden Resultaten gelangt; aber es befestigt sich 
täglich mehr und mehr die Anschauung, dass die Ueberbleibsel der my- 
kenischen Cultur ihrer Entstehung nach der zweiten Hälfte des zweiten 
Jahrtausends v. Chr. angehören, d. i. rund der Zeit zwischen 1600 und 
xooo v. Chr., der Zeit, da in Aegypten die Ramessiden herrschten, der 
Zeit, in welcher die Juden aus Aegypten auszogen und von Richtern 
regiert wurden. Selbst die Frage, welchem Volksstamme wir die Träger 
und Pfleger der mykenischen Cultur zuzuweisen haben, hat heute noch 
nicht eine allgemein giltige und für Alle befriedigende Antwort gefunden. 
Da die Träger dieser Cultur gerade den Boden bewohnten, auf welchem 
wir nachmals in hellenistischer Zeit das Volk der Griechen angesiedelt 
finden, so liegt die Vermuthung nahe, dass wir es hier mit Vorläufern 
oder doch Componenten des späteren Hellenenvolkes zu thun haben. 
In der That bricht sich diese Anschauung immer entschiedener Bahn, 
trotzdem einige Momente, denen man in früheren Jahren allzu große 
Bedeutung beigelegt hat, dem zu widersprechen scheinen. Man hat an 
den mykenischen Funden eine ganze Reihe von Eigenthlimlichkeiten fest- 
gestellt, die wir auch bei den späteren Griechen, und nur bei diesen, 
antreffen. Und unter diesen Eigenthümlichkeiten, soweit dieselben das 
Gebiet des Kunstschaffens betreffen, findet sich auch als höchst bezeich- 
nende und entscheidende das Vorkommen des Rankenornaments! 
Was keine der altorientalischen Künste zu Wege gebracht hatte; 
die Verbindung von oruamentalen Pflanzenmotiven mittels der wellen- 
förmig geschwungenen, rhythmisch dahinHieBenden Ranke, - das myke- 
nische Culturvolk hat sie bereits gekannt und geübt, zuerst unter allen 
Völkern, so viel wir wissen. Damit war das künstlerische Problem gelöst, 
wonach die Altorientalen vergebens gestrebt hatten: die einzelnen Motive 
weisen in ihrer Aufeinanderfolge abwechselnd nach Innen und Außen, 
und sind doch sämmtlich auf eine und dieselbe gleichmäßig dahinwogende 
Verbindungslinie aufgereiht. Und zwar so ausgebildet findet sich dieses 
System in der mykenischen Ornamentik, dass dasselbe für alle folgenden 
Zeiten typisch und mustergiltig geblieben ist. Was die Griechen später 
hinzuthaten, das war blos eine Befreiung der Ranke aus dem engen 
Friesstreifen und ihre Entfaltung über eine beliebige größere Fläche. 
Aber das Grundschema jeder ornamentalen Rankenbildung blieb immer 
das gleiche, wie es schon die mykenische Ornamentik geschaffen hatte: 
entweder dasjenige der fortlaufenden oder dasjenige der intermit- 
tirenden Wellenranke.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.