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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 7)

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für eine vorzuweisende, nicht an Ort und Stelle befindliche Erscheinung, 
ja wohl auch zur Versinnlichung des blos Gedachten zeigt, hat unzweifel- 
haft den Anspruch, eine Zeichnung genannt zu werden. ln Anbetracht der 
unendlich mannigfaltigen Stadien der Entwicklung zeichnerischer Thätig- 
keit bei den verschiedenen Völkern aller Zeiten entrollt sich hier vor 
unserem Auge ein Bild gewaltiger Ausdehnung, zeigt sich ein Feld für 
die Forschung, dessen Fruchtbarkeit eine schier unerschöpfliche genannt 
werden muss. Der historischen, kunstphilosophischen, physiologischen und 
psychologischen Wissenschaft erschließen sich auf diesem Felde wichtige 
Quellen; die Paläographie fußt zum Theil auf den Ergebnissen, welche 
das Studium der Anfänge der Zeichenkunst zu Tage fördert: Der Mensch 
ist das einzige Thier, dessen Erkenntnissvermögen ihm den BegriE des 
Abbildes zum Bewusstsein bringt, das einzige, welches mit Hilfe des 
Gesichtssinnes das Gebilde auf der Fläche als Projection einer Er- 
scheinung zu erkennen vermag. Diese Thatsache allein spricht schon 
laut genug für die Wichtigkeit, welche die Anthropologie dem Studium 
der Zeichenkunst beizumessen hat. 
Ich muss es mir versagen, die Relationen dieser Aeußerungsform 
der Kunst mit Forschung und Wissenschaft weiter zu berühren, so nahe 
auch hiezu die Versuchung liegen mag. Dem mir vorläufig gesteckten 
Ziele entsprechend habe ich weiter nichts zu thun, als die Zeichenfertig- 
keit als solche in Betracht zu ziehen, und weiters jene Modalitäten zu 
untersuchen, unter welchen sie aus dem Stadium, sich selbst Zweck 
zu sein, heraustritt und in unserem Falle hauptsächlich rnit Rücksicht 
auf die Erfordernisse des Kunstgewerbes als Mittel zum Zweck einer 
erweiterten Reihe von Anforderungen zu entsprechen geeignet wird. 
Wenn ich hiebei auf einzelne wichtige Facten ihrer geschichtlichen 
Entwicklung hinweise, so geschieht dies zunächst nur, um einestheils den 
Umstand näher vor Augen zu rücken, dass die Aeußerungen der Zeichen- 
fertigkeit nicht constant auf identische Ursachen mehr oder weniger zwin- 
gender Art zurückzuführen sind, anderntheils aber auch dementsprechend 
mit der stets sich verrnehrenden Fülle ursächlicher Beweggründe die Her- 
vorbringungen der Zeichenfertigkeit nach jeder Richtung hin betrachtet 
einem steten und unausgesetzten Wandel unterworfen waren. Hiebei 
kann ich freilich nicht vermeiden, auf mehreres von mir schon früher 
an dieser Stelle Vorgebrachte, wenn auch nur flüchtig, zurückzukommen. 
Vor Allem muss ich wiederholen, dass jegliche bildende, d. h. bild- 
schöpferische Thätigkeit des Menschen in ihren Uranfängen niemals 
von dem Bestreben ausgeht, die Natur nachahmen zu wollen. 
Abgesehen von jenen Kunstäußerungen, welche sich mit der Verzierung 
von Objecten unter Zuhilfenahme der primitivsten, nach bestimmter Aus- 
wahl und in befriedigender Ordnung angebrachten Formelemente befasst 
und hiemit nur einer physiologischen Nöthigung, einem Triebe gehorcht, 
ist auch an eine Wiedergabe irgend welcher natürlichen Erscheinung in
	        

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