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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 11)

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iigurenreiche Scene, auf die Rückseite einen Todtenschädel, den ein Käfer 
benagt und auf den Rücken eine weibliche Gestalt, über deren Haupt 
eine Hand den Dolch zückt. Meunier, einer der ersten Pariser Buch- 
binder, hat einen ganzen Schrank mit derartigen Versuchen angefüllt. 
Er bedient sich nach dem Muster der Alten des Lederschnittes. Da jedoch 
auch er seinen Arbeiten zu reiche Compositionen zu Grunde legt, kann 
er, um die Einzelformen zur Geltung zu bringen, der Farbe nicht ent- 
behren und greift zur Bemalung. Der künstlerische Erfolg ist durchwegs 
hinter den Erwartungen zurückgeblieben und steht nichts weniger als auf 
der Höhe der aufgewendeten Mühe und Arbeit. Sechs verschiedene Proben 
beschäftigen sich mit der Aufgabe, für i-Die vier Haymonskinderc einen 
originellen Einband zu finden, und bilden ebenso viele Beispiele,. wie man 
die Aufgabe nicht lösen darf. Gewöhnlich sehen wir eine karolingisch 
sein sollende Bogen-Architektur, darunter die Aussicht in's Freie. In der 
Landschaft die vier Söhne des Grafen von Dordogne in irgend einer, 
der Sage entnommenen Handlung begriffen, und darüber hin den Buch- 
titel. Da die modernste Illustrationskunst einer der Litteratur entnommenen 
aber missverstandenen Phrase zufolge wAusschnitte aus der Natur" als be- 
sonders charakteristisch ansieht, sind einmal allen Ernstes blos vier Lanzen- 
spitzen und ein halber Ritter dargestellt. 
Recht ansprechend dagegen ist ein moderner Einband mit einem 
Blumenmotiv in Ledermosaik mit Goldcontour. Meunier thut sich auf 
seine Neuerungen viel zu gute. Wirklich schön sind auch in der Regel die 
lnnenausstattungen der Buchdecken mit Ledermosaik und Gold. Ebenso 
selten wie hier haben bei Leon Gruel die Versuche mit modernen Com- 
positionen zu befriedigenden Resultaten geführt. Nichtsdestoweniger wäre 
es ein Fehler, diese Versuche hlos als Modethorheit anzusehen und daher 
unbeachtet zu lassen. Es liegt trotz aller Missgrilfe in diesen Bestre- 
bungen mehr künstlerische Kraft nnd virtuoses Können, als in manchen 
tadellosen Variationen alter Motive. Auch stehen sie nicht vereinzelt da, 
sondern zeigen sich auf allen Gebieten der decorativen Kunst und was 
das Wichtigste ist, sie haben nicht allein mit den unzweifelhaften Ver- 
irrungen, sondern auch mit anerkannten Fortschritten in der hohen Kunst 
Vieles gemein. 
Auch einige französische Papierfabriken, und zwar solche, die sich 
mit Herstellung sogenannter Vorsatzpapiere befassen, haben in der großen 
Halle ausgestellt. Leider ist aber das Beste, was Frankreich auf diesem 
Gebiete leistet, nicht zu sehen. Was Garnier St Scherf, Keller- 
Dorian in Lyon und Burlat in diesem Fache ausstellen, erhebt sich 
kaum über das Mittelmaß. 
Bei unserem Rundgange in_ der großen Halle dürfen wir den statt- 
lichen Pavillon der russischen Staatsdruckerei in Petersburg nicht uner- 
wähnt lassen. Es wird in dieser in größtem Stile angelegten Anstalt nach 
jeder Richtung Ausgezeichnetes geleistet, so im Notendruck, im Druck
	        

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