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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 2)

Mit der Gewinnung des Faches u, welches Heierli das natürliche 
Fach nennt, war aber die Sache noch nicht abgethan. Fli! die rasche 
Durchziehung eines Schussfadens (des ersten, dritten, fünften u. s. f. 
in Abb. 2) durch die ganze Breite der Kette war zwar gesorgt, nicht 
aber für den darauffolgenden (den zweiten, vierten, sechsten u. s. f.) 
Schussgang. Für diesen galt es, die geraden Kettfäden x vor den Schuss 
zu bringen, die ungeraden y unter dem Schuss liegen zu lassen. Be- 
gnligte man sich mit der Einschiebung des Querholzes b, so musste man 
bei jedem zweiten Schussgang dennoch jeden geraden Kettfaden x ein- 
zeln mit der Hand aufheben und nach vorne hervorholen. Um auch 
letzteres mit einem Griffe bewerkstelligen zu können, bedurfte es schon 
einer complicirteren Vorrichtung, deren Erfindung aber zweifellos der- 
jenigen des natürlichen Faches auf dem Fuße folgte, weil der mensch- 
liche Geist, einmal auf die richtige Spur gelenkt, gewiss nicht lange auf 
halbem Wege stehen geblieben ist '). Man umschlang zu dem Behufe 
(Fig. 3) jeden einzelnen Faden x mit dem Ende eines Schnürchens, 
dessen anderes Ende mit einem vor dem Webstuhl befindlichen Quer- 
holz c verbunden war. Wenn man das Querholz c, wie es die Ab- 
bildung Fig. 4 zeigt "), von dem Webstuhl in horizontaler Richtung 
hinwegzog, so hob man damit zugleich sämmtliche Fäden x, bis sie 
schließlich vor die Fäden y zu liegen kamen. Auf diese Weise entstand 
zwischen den Fäden y und x ein neues Fach d, das l-leierli zum Unter- 
schiede vom natürlichen Fache a ein künstliches genannt hat. Ließ man 
nun den Schuss im Wiederkebren durch das Fach d laufen, so deckte 
derselbe alle ungeraden Fäden y und wurde selbst von den geraden x 
gedeckt. Nach also vollzogenem zweiten Schussgang ließ man das Quer- 
holz c wieder zurückgehen, damit die daran befestigten Fäden x aber- 
mals in verticale Lage kämen und somit für den dritten'Schussgang 
wiederum das Fach a offen stand. 
Die Kenntniss der Fachbildung erscheint hienach als Vor- 
bedingung einer eigentlichen Weberei, die nicht mehr bloßes Flechtwerk 
genannt sein will. Zur Fachbildung bedurfte es nach dern Gesagten der 
Anbringung zweier Querhölzer am aufrechten Webstuhl. Das eine Quer- 
holz, das zur natürlichen Fachbildung dienen sollte, befand sich in einiger 
Entfernung über dem unteren Ende der Kette und bestand aus einem 
zwischen beide Ketthälften geschobenen Knüttel oder Brette, wodurch 
ein genügend breites Fach gescbaEen wurde, um der Hand des Webers 
den nöthigen Spielraum für das Durchziehen des Schusses zu gewähren. 
Das zweite Querholz, an welchem die hintere Hälfte der Kettfäden mittels 
') Womit nicht gesagt sein soll, dass dies von jedem Volke gilt, wie denn auch 
z. B. die Knbylen noch heutigen Tnges bloß die nnmrliche Fnchbildung In ihren Web- 
atüblan kauen und üben. 
") Vergl. hinzu Fig. 6.
	        

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