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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 4)

pfarre ein Absatzgebiet eröffnen, welches der Ueberproduction an heimischen 
Kunstkräften bald in der gesündesten Weise abgeholfen hätte. Segensreich 
werden ihre edlen Werke in wahrer Bildung auf's Volk einwirken, dem 
seine Kirche- Städte nicht ausgenommen - zumeist auch der einzige 
Tempel der Kunst ist. Das bildsame Kindergemüth empfängt hier die 
ersten Eindrücke des Schönen und Erhabenen und oft die einzigen für's 
Leben. Der Künstlerwelt selbst aber und nicht zum Geringsten dem 
Kunstgewerbe, welches hie und da bereits eine bedenkliche Gedanken- 
losigkeit zeigt, hätte sich ein würdiges, gedankenreiches Gebiet wahrhaft 
bildender Kunst wieder erschlossen. 
Der erste Schritt und die unerlässliche Bedingung der Besserung ist 
die Anbahnung oder Wiederherstellung des lebendigen und vertrauens- 
vollen Einvernehmens zwischen Kirche und Kunst. Lassen wir aber von 
zwei Gedanken bei der weiteren Verfolgung dieses Weges zum herrlichen 
Ziele nicht ab. Der erste ist, dass keiner der beiden berufenen Factoren 
Kirche oder Staat-für sich selbst, ohne die Mitwirkung des anderen aus- 
reicht; wohl aber wird ein Zusammengehen und Ausnützen der 
beiderseitigen, specifisch verschiedenen Machtsphären diese 
social wie ethisch hochwichtige Frage zu lösen vermögen. Zweitens wäre 
das Hauptziel dieser Action die Wiederherstellung des directen 
Verkehres zwischen Besteller und Künstler. Wenn das Blut 
ungehindert circulirt, ernährt es das Herz und die Glieder; die Hyper- 
throphie der Zwischenhändler ist das Verderben. Nicht die Errichtung 
einer kirchlichen Kunstakademie bringt die Rettung, vielleicht eher das 
Gegentheil, da die Kunst, und besonders die kirchliche, ein Monopol nicht 
verträgt. Regelung des Annoncenwesens, Ausstellungen, officielle Ge- 
sarnmtlisten unserer Künstler und andere Förderungen müssen dem er- 
wähnten Endziele dienen. Einige christliche Kunstvereine haben es be- 
reits versucht, selbstlose Vermittler zwischen Besteller und Künstler zu 
sein. Im Kleinen und Einzelnen konnten sie mit doppelten Schwierig- 
keiten nicht das erreichen, was durch eine Action im Großen ein ernst- 
licher Wille, von den beiden Autoritäten gestützt, anbahnen und voll- 
enden könnte. Getragen von der Erkenntniss der materiellen wie idealen 
Wichtigkeit dieser Frage, müsste er sich aber auch bestreben, das unge- 
zwungene Vertrauen von beiden Seiten, vom Clerus wie der Künstler- 
welt, zu erhalten. Dann können, was diesen hervorragendsten Theil der 
Kunst und des Kunstgewerbes anbelangt, wieder Zeiten voll Leben und 
Ordnung erblühen, ehrenvoll für die Kirche, segensreich für die Gesell- 
schaft - Beides für die Kunst!
	        

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