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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 4)

der Autorität Lessing's geradezu die Verpflichtung erwuchs, seine Stellung 
zu den bezüglichen Fragen neuerdings zu präcisiren. Und dies ist denn 
auch in einer wenngleich knappen, so doch wenigstens für den mit der 
Materie auch nur oberflächlich Vertrauten vollauf genügenden Weise 
geschehen. 
Die Hauptlinien von Lessing's Ansichten lassen sich folgendermaßen 
umschreiben. Wenn man von kaukasischen, central-asiatischen und einigen 
Nornadenerzeugnissen absieht, ist die große Masse der erhaltenen orien- 
talischen Teppiche älterer Entstehung in zwei große Gruppen zu theilen 
in türkische und in persische. Den Beweis für die Zulässigkeit einer solchen 
Zweitheilung liefern hauptsächlich die emaillirten Fliesen aus Kleinasien. 
_5oviel über die Ortsbestimrnung. Was die Zeitbestimmung anbelangt, so 
hält Lessing auch diese für leidlich durchführbar. Seine Kriterien hieflir 
sind mehrfacher Art; für's Erste wiederum die erwähnten Fliesen, deren 
Entstehung man in das i6. und 17. Jahrhundert zu versetzen pflegt; dann 
die Abbildungen von orientalischen Teppichen auf Bildern europäischer 
Maler des 16-18. Jahrhunderts. Außerdem gewisse innere Kriterien: 
wo die Motive klar und streng ausgeführt vorliegen, wird auf das 
16. Jahrhundert als auf die Blüthezeit geschlossen; die "aufgelösten Form 
der Bllithen soll dagegen auf das 17. Jahrhundert weisen. Auch das 
chinesische Element kann unter Umständen ein Kriterium abgeben. End- 
lich hat Lessing in der richtigen Ueberzeugung, dass nur eine klare Er- 
kenntniss des Ursprungs und der Entwickelung der Einzelformen im 
letzten Grunde eine allen Zweifeln entrückte Erkenntniss ihres Wesens 
und ihrer zeitlichen Abfolge zu vermitteln vermag, auch einige Aeuße- 
rungen über sein Verhalten zu den diesbezüglichen Fragen gethan. Dass 
die orientalische Teppichornamentik im Wesentlichen eine Blumenranken- 
ornamentik ist, wird von Lessing vollkommen anerkannt. Innerhalb der- 
selben unterscheidet er die Arabeske, als deren Heimat ihm noch immer 
Arabien gilt, ferner die in engerem Sinne persischen "Blüthenkolbenu, 
hinsichtlich welcher er es mit Rücksicht auf ihr Vorkommen in der chine- 
sischen Kunst vorläufig offen lässt, ob sie China von Persien oder umge- 
kehrt letzteres von China übernommen hat, endlich die naturalistischen 
Blumen: Nelken, Tulpen, Hyacinthen u. s. w., die er als Producte einer 
neueren naturalistischen Weise der Kunstbetrachtung auf dem Boden des 
türkischen Reiches auffasst. Hinsichtlich der Thierornamentik spricht sich 
Lessing minder deutlich aus und scheint ihr auch ein weniger entschei- 
dendes Gewicht heizumessen als der Blumenrankenornamentik, worin ihm 
übrigens vollständig beizupflichten ist. 
Es wird hoffentlich nur zur weiteren Klärung der so überaus interes- 
santen Frage nach der älteren Geschichte des orientalischen Teppichs bei- 
tragen, wenn ich in möglichster Kürze diejenigen Punkte bezeichne, hin- 
sichtlich welcher ich mich mit Lessing's Ausführungen nicht einverstanden 
erklären kann. Der Zweitheilung in Bezug auf die Ortsbestimmung
	        

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