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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 4)

Wer die Stichhältigkeit der gegen einenTheil von Les_sing's Ansichten 
vorgebrachten Einwendungen anerkennt, wird vielleicht in Erwägung der 
unbestrittenen Autorität, die dieser Forscher auf dem in Rede stehenden 
Gebiete genießt, daran verzweifeln, dass wir überhaupt in absehbarer Zeit 
zu einer wissenschaftlich gesicherteren Geschichte des orientalischen Tep- 
pichs gelangen werden. Und doch wäre_eine solche Resignation meines 
Erachtens nicht gerechtfertigt. Unsere Forschung, die sich doch haupt- 
sächlich rnit dem Aeußerlichen, Augenfälligsten, Wandelbarsten, also mit 
der ornamentalen Ausstattung der orientalischen Teppiche beschäftigen muss, 
braucht blos auf ausschließlich historische Grundlagen gestellt zu werden, 
um aus dem unfruchtbaren Kreise der Vermuthungsschlüsse, mit denen 
Alles bewiesen werden kann, herauszukommen. Bisher standen dem zwei 
vorgefasste Lehrmeinungen hindernd entgegen, die tief im Geistesleben 
unserer Zeit wurzeln und daher fortdauernd fast uneingeschränkte Geltung 
besitzen. Für's Erste die hauptsächlich in unserem Unterrichtssystem 
begründete Zerreißung der gesammten Kunstgeschichte in eine antike 
(bis 476 n. Chr.) und eine neuere; zwischen diesen beiden Welten 
pflegt man sich eine unliberbrückbare Kluft der Verwilderung und Bar- 
barei zu denken, auf welche im Mittelalter etwas ganz Neues, einerseits 
durch die germanischen Völker, andererseits durch die Araber Begründetes 
gefolgt wäre. Das zweite Hinderniss erblicke ich in der-wie ich glaube, 
blos in Folge eines Missverständnisses - allzuweit auf vorgeschrittene Ver- 
hältnisse ausgedehnten Theorie Gottfried Semper's von der Erzeugung 
primitiver Kunstformen durch die technischen Proceduren; vom Gesichts- 
punkte dieser Theorie betrachtet, wäre auch der orientalische Teppich, 
der auf den ersten Anblick allerdings als etwas ganz Selbständiges, ohne- 
gleichen in der Kunstgeschichte Dastehendes erscheint, aus seinen ur- 
sprünglichen technischen Grenzen heraus und seit Anbeginn nur auf 
seinen eigenen Spuren wandelnd zu dem geworden, was wir im conser- 
vativen Orient noch heute täglich entstehen sehen. Also auch nach dieser 
Seite gewissermaßen ein gewaltsames Herausreißen der Teppichornamentik 
aus dem geschichtlichen Zusammenhange alles orientalischen Kunstschalfens. 
Diese beiden,meinerUeberzeugung nach irrigen Grundanschauungen scheinen 
mir Lessing's Ideen von der Geschichte der orientalischen Teppiche noch 
allzu maßgebend beeinflusst zu haben. Die Heimat der Arabeske sucht er 
noch immer in Arabien; da aber nirgends, soweit unsere Kenntniss reicht, 
auch nur eine Spur von einer nennenswerthen national-arabischen Kunst 
vor dem Aufkommen des Islam gefunden worden ist, so dürfte die bezüg- 
liche Annahme Lessings mit der von ihm schon im Jahre 1877 geäußerten 
aprioristischen Meinung zusammenhängen, dass die orientalische Teppich- 
ornamentik im Wesentlichen im Zelte des Beduinen, in der Textilkunst 
der arabischen Nomaden ihre Heimat habe, -- eine Anschauung, die 
nicht minder geistreich, aber auch nicht minder unbewiesen ist als etwa 
diejenige Chamissds, der in den durch hogenförmiges Astwerk geschlos-
	        

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