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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 5)

Verbreitung des einstigen Erzeugungsgebietes des Kilims in der jensei- 
tigen Reichshälfte glaubte die ungarische Regierung dem zunehmenden 
Verschwindungsprocesse desselben nicht müßig zusehen zu dürfen. Man 
griff der Production erstlich mit Subventionen unter die Arme, um ihr 
einen momentanen Halt zu gewähren, und suchte dieselbe ferner auch 
für die Zukunft lebensfähig zu machen, was nur auf dem Wege geschehen 
konnte, dass man die der Zerstörung Vorschub leistenden Umstände nach 
Möglichkeit entfernte oder paralysirte. Waren die bisherigen technischen 
und Betriebsverhältnisse zu primitiv, so suchte man dem durch einige 
Verbesserungen an den Webstlihlen und durch eine Organisirung der 
ganzen Production zu einer Industrie abzuhelfen. Hatte ferner das Land- 
volk den Affectionswerth für Kilims zum Theile aufgegeben, so suchte 
man dafür die städtische Bevölkerung zu interessiren und dadurch ein 
neues lohnendes Absatzgebiet zu erschließen. lnwieferne man nun auf 
diesem Wege das angestrebte Ziel erreicht hat, dasselbe überhaupt zu 
erreichen vermag, soll hier nicht näher erörtert werden. Es wurde das 
eben über die südungarische Kilimproduction Gesagte nur deshalb voran- 
geschickt, um daran die Stellung und Bedeutung der einzigen cisleitha- 
nischen, d. i. der ruthenischen, die uns hier ausschließlich beschäftigen soll, 
richtig bemessen zu können. Diese Bedeutung wird sich aus einer kurzen 
Charakteristik der ruthenischen Kilimerzeugung im Allgemeinen von selbst 
ergeben. Dieselbe hat nämlich bisher niemals eine Subvention vom Staate 
bezogen oder auch nur beansprucht, sie stützt sich auf keine gewerblichen 
Fachschulen, ist noch heute nicht als Industrie, also auch nicht als Haus- 
industrie, sondern als ein viel niedrigeres Betriebssystem organisirt, und 
endlich - was vielleicht das Allerwichtigste ist - sie arbeitet auch heute 
noch wie in den früheren Jahrhunderten hauptsächlich für Bauern; was 
auf den Stühlen der heutigen Kilimwirker in Galizien gearbeitet wird, 
ist von Bauern zum eigenen Gebrauche bestellt, und daneben .kommt 
das, was etwa von Angehörigen der oberen Stände, Gutsbesitzern, städti- 
schen Kunstliebhabern u. dgl. in Auftrag gegeben wird, kaum in Betracht. 
Indem ich nun auf die Erörterung der ruthenischen Kilims im Be- 
sonderen eingehe, muss ich noch eine weitere Beschränkung des Stoffes 
vornehmen. Man hat längst erkannt, dass die über ein außerordentlich 
weites geographisches Gebiet zerstreut sitzenden Ruthenen ethnographisch 
keineswegs eine so homogene Masse ausmachen, als welche sie sich 
äußerlich in Folge des ihnen allen gemeinsamen sprachlichen ldioms 
darstellen. Sehen wir ganz ab von denjenigen Theilen dieses Volks- 
stammes, die außerhalb der Grenzen unserer Monarchie angesiedelt sind, 
und fassen wir blos die ruthenische Bevölkerung von Galizien und der 
Bukowina in's Auge. Hier spricht im Wesentlichen alles Landvolk östlich 
vom San die ruthenische Sprache. Wer aber von Norden, etwa von 
Lemberg kommend, den Dniestr passirt, und für die ihn umgebenden 
Dinge ein wachsames Auge hat, dem wird es bald klar, dass er damit 
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