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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 5)

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erbeutet worden waren, sei es, dass ihre Ueberwachung auf solche Weise 
besser gewährleistet schien. Da man nun anderseits mehrfach die Wahr- 
nehmung machen konnte, dass gerade in der Nähe der alten ehemaligen 
Herrenschlösser (Zbaraz, Zaloäce) sich eine Teppichproduction bis auf 
den heutigen Tag erhalten hat, so lag es überaus nahe, beide That- 
sachen miteinander in Verbindung zu bringen, und den Ursprung der 
ruthenischen Teppichproduction im Allgemeinen auf eine Einführung 
durch tatarische Kriegsgefangene zurückzuleiten. S0 erklärt man sich die 
Sache im Lande; was diese Hypothese aber außerhalb Galiziens ohne 
Weiteres glaubhaft erscheinen ließ, das war der für eine unumstößliche 
Thatsache angesehene Zusammenhang der uns bekannteren südslavischen 
Kilims mit denjenigen von eigentlich orientalischer Herkunft. Man glaubte 
sich gar nichts anderes denken zu können, als dass Alles was Kilim 
heißt, nur durch die Turko-Tataren nach Europa gebracht worden sein 
könne. Was die Stichhältigkeit dieser Meinung hinsichtlich der Südslaven 
betrifft, kann hier begreiflicherweise, weil zu weit führend, nicht unter- 
sucht werden; ich muss mich diesbezüglich blos auf die Erörterung der 
ruthenischen Kilims beschränken. Von diesen muss aber gesagt werden; 
in Bezug auf die technische Herstellung herrscht zwischen dem orien- 
talischen Kilim einerseits und dem ruthenischen Kilim anderseits schon 
einmal die principielle Verschiedenheit, dass der orientalische Kilim 
immer aufdem aufrechten oder Haute-lisse-Stuhl hergestellt 
wird, der ruthenische Kilim immer am wagt-echten oder dem 
gemeinen mitteleuropäischen Leinenwebstuhl, den der orien- 
talische Teppichwirker nicht kennt. Hiezu kommt noch ein weiterer be- 
deutungsvoller Gegensatz, der nicht minder mit der technischen Her- 
stellung zusammenhängt. Jedermann kennt die Eigenthümlichkeit der 
orientalischen sowohl wie der südslavischen Teppiche, dass überall dort, 
wo zwei Farbfelder in der Richtung des Einschlages aneinanderstoßen, 
im Gewebe Schlitze oder Spalten vorhanden sind, was bei einer scharfen 
Absetzung zweier Farbfelder in der Technik selbst begründet ist. Der 
ruthenische Kilim dagegen vermeidet grundsätzlich diese Spalten, 
indem er nämlich an der Grenze zweier Farbfelder einen Kettfaden für 
die beiderseitigen Schussfäden gemeinsam sein lässt, so dass sich ,die 
letzteren sozusagen ineinander verzahnen. Die erwähnten beiden Umstände 
scheinen mir entscheidend dafür, dass die ruthenische Kilimproduction 
nicht auf tatarische Wurzel zurückgehen kann. Hätten Tataren dieselbe 
eingeführt, so hätten sie wohl einerseits ihren primitiven aufrechten Stuhl 
dazu verwendet, anderseits die einzelnen Farbfelder scharf voneinander 
abgesondert. Hier will ich gleich noch ein weiteres Bedenken anfügen: 
Uebertragungen von kunstgewerblichen Techniken sind in neuerer Zeit 
gewiss vielfach nachgewiesen worden, und darunter auch solche, die aus 
dem Orient nach Europa verpflanzt worden sind; aber da handelte es 
sich immer um eine Befriedigung des raffinirten Kunstbedürfnisses der
	        

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