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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 2)

an dem zu Grunde liegenden Carton vorläuhg bei Seite lassen, wollen 
wir vor Allem den Schlusssatz des Gutachtens in's Auge fassen, und die 
Orts- und Zeitbestimmung nach Möglichkeit in's Reine zu bringen trachten. 
Einer Beschreibung des Arrazetto sind wir durch die beifolgende 
Abbildung (Fig. i) überhoben; es muss aber beigefügt werden, dass der 
Grund aus Rohleinen besteht, worauf die Halbschatten in gelber, die tiefen 
Schatten in rother Wolle ausgeführt sind, während die Lichter durch- 
wegs mittelst Silberfäden aufgesetzt erscheinen. Auch die schwarze In- 
schrift INRI ist auf Silbergrund gewirkt. Hienach scheint der Carton, 
nach welchem der Arrazetto gefertigt wurde, nicht in Farben ausgeführt 
gewesen zu sein, sondern nur in einer getuschten Zeichnung bestanden 
zu haben. Die Maße sind außerordentlich klein, und betragen 55 Centi- 
meter in der Länge und 53 Centimeter in der Breite. 
Ohne die Autorität des Directors der vaticanischen Gobelinmanu- 
factur unterschätzen zu wollen, vermögen wir die Gründe nicht einzu- 
sehen, weshalb er die Entstehung des Arrazetto so "zweifellos: nach 
Ferrara versetzt. Die ferraresische Gobelinfabrication fällt, so viel wir 
wissen, auf zwei verschiedene Zeitperioden, die durch eine etwa 40 bis 
Sojährige Pause von einander getrennt sind. Die erstere dieser beiden 
Perioden fällt in's XV. Jahrhundert, kann somit im vorliegenden Falle 
nicht in Betracht kommen. Die zweite beginnt mit dem Regierungsan- 
tritte Ercole's II. von Este (r534) und währt bis gegen das Ende seines 
Nachfolgers Alfonso II. (1597). Unter den erhaltenen und in schriftlichen 
Ueberlieferungen erwähnten Arrazzi dieser Periode findet sich kein 
einziger, der mit dem in Rede stehenden in irgend einem ersichtlichen 
Zusammenhange stünde. Die ganze ferraresische Production jener Zeit war 
überhaupt vorwiegend historischen oder mythologischen Stoffen zuge- 
wendet. Große Sorgfalt wurde auf die ornamentale Ausstattung, reiche 
Bordüren, Grotesken, Landschaftliches verwendet, und die wenigen er- 
haltenen Stücke sind überdies in der Regel signirt, entweder mit dem 
niederländischen Namen Karcher, der sich auf einen der Leiter der 
ferraresischen Gobelinfabrik bezieht, oder mit Angabe der Stadt Ferrara 
und einer Jahrzahl. Die genannten Eigenthümlichkeiten der ferraresischen 
Gobelins vermisst man an unserem Arrazzetto, und es erscheint somit 
schon aus äußeren Gründen nicht wahrscheinlich, dass derselbe in Ferrara 
angefertigt wurde. 
Der Grund, weshalb Gentili so nzweifellosu für die ferraresische Her- 
kunft eingetreten ist, dürfte hauptsächlich darin liegen, dass nach einer 
Mittheilung der dermaligen Besitzerin, gemäß einer in ihrer Familie ver- 
erbten Tradition, der Arrazetto einstmals der Prinzessin Eleonora d'Este, 
der Schwester Alfons' II. und Gönneriu Tasscfs, gehört haben soll, und 
von dieser an einen Geistlichen verschenkt worden wäre, dessen Familie 
das Geschenk ebenso wie das Andenken der Spenderin allezeit in größter 
Pietät bewahrt hätte. Ein Handschreiben der Prinzessin, das die erwähnte
	        

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