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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 3)

Ül 
schaffenden Vorstellung von Zwischengliedern in der Gesamrntvorstellung einer Reihe 
(z. B. des Farbencontinuums) mochte der Vortragende selbst diese Frage bejahen. Aber 
auch für die reproducirendcn Künstler, wie für die verstandnissvoll genießenden, deren 
Nachempfinden ein Selbsterleben und freies Nachschalfen ist, wird die Phantasie in An- 
spruch genommen. Aus dem Wesen der Phantasie heraus und nur aus ihm findet 
schließlich die Frage des wahrhaft kunstmaßigen Stils ihre Losung, und zwar weist 
Alles darauf hin, dass die wahrhaft kunstmäßige innere Form weder vom Naturalismus 
noch von Idealismus, sondern vom Stil des typischen Realismus geschaffen wird. Geht 
dieser aber darauf aus, in vollendeter, lebensvoller Kunstform aus individuellen das 
allgemeine Gesetz des Lebens wirksam zu zeigen, so tritt die künstlerische Phantasie 
dadurch mit der wissenschaftlichen Intuition des Forschers in Verwandtschaft; aber 
während jene, von Anderem abgesehen, individuelles Leben sucht, durch welches das 
Gesetz nur eben hinderlich scheint, sucht diese das Gesetz, für welches das Einzelne 
nur eben ein Fall der Anwendung ist. Fragt man schließlich nach dem Maßstabe für 
den Werth der einzelnen Phantasiebilder in Hinsicht eines bestimmten künstlerischen 
Zweckes, so ist zu antworten: dieser Maßstab ist jene eigenthümliche Verfassung der 
Seele, welche mit erkenntnissartig richtiger Lust und Freude das Werthvolle dem 
Werthlosen, das Werthvollere dern Minderwerthvollen vorzieht: der gute und richtige 
Geschmack im eigentlichen Sinne des Wortes. Tritt sonach die Lehre von der Phantasie 
unter einen Gesichtspunkt rnit der Lehre vom richtigen Geschmacke, so geht aus ihr 
auf der anderen Seite naturgemäß die Lehre vom hochsten kunstmaßigen Stile hervor. 
- Am 16. Januar hielt Maler August Schaeffer, Director-Stellvertreter der 
Gemäldegalerie des Allerh. Kaiserhauses, einen Vortrag über nDie alpine Land- 
schaftsmalerein. 
Gewissermaßen im Zusammenhange mit dern im verHossenen Jahre gehaltenen 
Vortrage über lLlHdSChEflSlhllCTBil, woselbst in einem möglichst kurz gefassten Essay 
ein Bild der geschichtlichen Entwickelung dieses Kunstfaches im Allgemeinen, und zwar 
von der fernsten Culturzeit bis auf unsere Tage zur Darstellung gelangte, wählte der 
Vortragende für diesmal das specielle Fach: "Die alpine Landschaftsmalerei: 
sowohl zur künstlerischen als wissenschaftlichen Auseinandersetzung. 
Nach einer kurzen Würdigung des dermalen so sehr beliebten Cultus der Berg- 
besteigungen und der sich hieranschließenden Tounsterei gelangt der Vortragende zur 
Schilderung der alpinen Natur und deren Eindrücke auf den Menschen überhaupt, um 
sodann auf die malerischen Erscheinungen und Qualitäten derselben überzugehen. Es 
werden in kurzen Exposes die charakteristischen Momente der alpinen Welt zur An- 
schauung gebracht, deren Anregung zur malerischen Darstellung, wie aber auch deren 
Schwierigkeiten motivirt, welche dem Hochgebirgsmaler sowohl in materieller als künst- 
lerischer Hinsicht in Erfüllung seines Berufes zu erwachsen pflegen. 
Nachdem auch die Tendenzen erörtert werden, welche in der modernsten Kunst- 
ausübung die Pflege der alpinen Malerei bedeutsam in den Hintergrund gedrängt haben, 
so dass die eigentliche Blüthezeit dieses Kunstfaches mehr oder minder als abgeschlossen 
zu betrachten ist, geht der Vortragende auf den kunsthistorischen wie auch kritischen 
Theil seines Thema's über, bezeichnet die alpine Malerei als eine in ihrer vollen Charak- 
teristik und Wahrheit der Darstellung durchwegs unserem Jahrhundert angehorende 
Kunstrichtung, pracisirt deren Anfange, welche bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts 
in einzelnen Beispielen nachgewiesen zu werden vermögen, streift sodann die Ursachen, 
weshalb die alten Meister der Darstellung der alpinen Natur nicht huldigten, um sodann 
auf cine chronologische Anführung und kritische Besprechung derienigen Maler zu ge- 
langen, welche dieses Kunstfach zur Entwickelung, theils hinleiteten oder zum yollen 
Austrag, d. i. zur vollendetsten Kunsterscheinung brachten. Als einer der Hauptmeister 
der alpinen Landschaftsmalerei wird Alexander Calame bezeichnet, dessen gesammtes 
künstlerisches und nicht nur auf einzelne Künstler, sondern ganze Gruppen derselben 
einiiußreiches Wirken als ein epochemachendes hingestellt werden muß. Auf die Wiener 
und Münchener Schule sonach übergehend, in welchen seit Beginn unsers Jahrhunderts die 
alpine Landschaftsmalerei insbesondere eine ausgiebige Pflege fand, sodann der Düssel- 
dorfer, Berliner Maler und anderer diverser Meister gedenkend, welche die alpine Natur 
sowohl in allen Stilarten als diversen Auffassungen zur malerischen Verwerthung 
brachten, und so zur besonderen Charakteristik dieses Kunstfaches beigetragen haben, 
schließt der Vortrag mit einer kurzen Betrachtung über die neueste Richtung in der 
Landschaftsmalerei, und zwar im Hinblick und in ihrer möglichen Beziehung zur Darstellung 
der alpinen Natur. 
Dem Vortrage war eine reichhaltige Samtulung von Gemaldereproductionen, Oel- 
studiert und Aquarellen beigestellt worden, welche theils dem Privatbesitze, theils öffent- 
lichen Sammlungen entnommen wurden.
	        

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