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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 3)

von unzweifelhaft orientalischer Herkunft entdeckt hat? Und besaßen 
die Orientalen nicht nachweislich kostbare Seidentapeten und jene Seiden- 
pllischteppiche, deren einen Karabacek ausführlich beschrieben hat, um 
damit die Wände ihrer Prunkgemächer zu verkleiden? 
Wir sind also nicht blos nicht im Stande den Gebrauch figural 
verzierter Wirkteppiche im Orient des 12. Jahrh. zu erweisen, sondern 
es sprechen sogar gewichtige Gründe gegen die Annahme eines solchen 
Gebrauches. Wodurch sind wir denn überhaupt gezwungen, den Ursprung 
der abendländischen Teppichwirkerei des späteren Mittelalters just un- 
mittelbar im Orient zu suchen? Diejenige schriftliche Nachricht, die 
nach dieser Richtung das Urtheil bisher am meisten beeinflusst hat - 
die Erwähnung von tapissiers Suraginois im Pariser Livre des metiers 
aus dem 13. Jahrh. - hat ihre Bedeutung für die norientalische Fragen 
im Wesentlichen eingebüßt, seitdem Quicherat dargethan hat, dass die 
Franzosen des 13. und 14. Jahrh. unter Saraginois nicht so sehr das 
Arabisch-Saracenische, sondern vielmehr Alles von älterem, wirklich oder 
vermeintlich heidnischem Ursprung, insbesondere aber das Römisch- 
Antike verstanden haben. Von der textilen Technik der Wirkerei steht 
es anderseits fest, dass die Kenntniss derselben schon in älterer Zeit 
durchaus nicht auf das Morgenland beschränkt geblieben ist. Wir haben 
sie sowohl im spätantiken Aegypten als in taurisch-griechischen Colonien 
der hellenistischen Zeit an der Hand von wohlerhaltenen Denkmälern fest- 
stellen können, welche beiden Gebiete nicht einmal im Oriente im 
engeren Sinne gelegen sind, während vollends die Verzierungen, die an 
den bezüglichen Denkmälern zu Tage treten, keineswegs einen specifisch 
orientalischen Charakter zur Schau tragen. Wenn wir nun dieselben 
Costüme mit denselben Verzierungen, wie wir sie aus ägyptischen Gräbern 
der späten Kaiserzeit und des beginnenden Mittelalters hervorgezogen 
haben, auch anderwärts überall im spätrömischen und byzantinischen 
Reiche und insbesondere in der für das Abendland maßgebenden Cen- 
trale Rom antreffen - in Mosaik, in Malereien und selbst in unzwei- 
deutigen schriftlichen Nachrichten - müssen wir da nicht schließen, 
dass in allen diesen Fällen die gleichen (vielfach figuralen) Verzierungen 
auch in der gleichen Technik, also nicht in Stickerei, die allein hiefür 
sonst noch in Betracht käme, sondern in Wirkerei ausgeführt waren? 
Und soll man eine Kunstübung, die man sonach z. B. auf dem Boden 
des alten Gallien noch im 5. Jahrh. n. Chr. ganz allgemein geübt haben 
muss, im ll. und 12. Jahrh. daselbst aus unsichtbaren Gründen bereits 
so vollständig vergessen haben, dass man sie im Oriente völlig neu er- 
lernen musste? Liegt da nicht viel näher die Annahme, es habe auf 
gallofränkischem Boden die Technik der Wirkerei fortdauernd Pflege 
gefunden, so dass sie noch im späteren Mittelalter im Stande war mit 
der Entfaltung einer neuen Kunstblütbe in der Malerei gleichen Schritt 
zu halten und die Werke dieser letzteren in das textile Material zu
	        

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