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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 3)

übertragen? Und für diese Annahme besitzen wir sogar ein sehr triftiges 
Beweisstück in einem Teppichfragment, das spätestens im 12. Jahrh. 
entstanden, gegenwärtig in Christiania verwahrt wird, und dessen Dar- 
stellungeninikonographischer Beziehung auf Frankreich hinweisen, während 
im Beiwerk überraschender Weise in den meisten Einzelheiten die engste 
Verwandtschaft mit den ägyptischen Wirkereifunden zu Tage tritt. 
Das Gesagte gilt von der vorgeschrittenen Figurenwirkerei. Was aber 
die Technik in ihrem primitiven Entwickelungsstadium anbelangt, so ist 
dieselbe in gewissen Gegenden Europa's, soweit wir diese Dinge zurück 
zu verfolgen vermögen, allezeit bis aufunsere Tage einheimisch gewesen, 
und zwar selbst in solchen Gebieten, wo eine unmittelbare Einführung 
derselben aus dem Orient so gut wie ausgeschlossen erscheint. Wenn 
man nämlich die Existenz der Wirkerei bei den Südslaven durch die 
türkische Eroberung erklären will, so liegen dafür wenigstens scheinbare 
äußere Anhaltspunkte vor. Minder stichhältig ist diese Erklärung schon 
bei den nordslavischen Ruthenen, vollends unzutreHend wird sie aber 
bei den Scandinaviern. Wenn wir somit auf der Balkanhalbinsel, in _der 
sarmatiscben Tiefebene, in Scandinavien, ja selbst bei Macerata in 
Mittelitalien die primitive Teppichwirkerei von altersher bis in unser 
Jahrhundert in Uebung sehen, werden wir in diesen ihren Aeußerungen 
nicht die rudimentären Ueberbleibsel einer ehemals hochentwickelten 
und weitverbreiteten Kunstübung zu erblicken haben, die sich etwa in 
spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit über den größten Theil von 
Europa erstreckte? 
Als schmale Dorsalstreifen von überwiegender Breitenausdehnung 
gegenüber der Höhe, wie jener Teppich aus Christiania und die etwas 
jüngeren von Halberstadt und Quedlinburg, treten uns auch die de utsc hen 
Rücklaken auf der Museums-Ausstellung entgegen. Der älteste darunter 
dürfte ein mit Thierbildern geschmückter Behang (Dr. Figdor) sein, der 
sich ehemals im Neustifte bei Brixen befunden hatte. Eine Datirung des- 
selben in's 14., wo nicht in's 13. Jahrh. rechtfertigt sich nicht so sehr 
aus den dargestellten Bestien, denn dieses Genre währt bis in das 
16. Jahrh. hinein, so lange überhaupt die conventionellen Typen der 
Gothik nicht vollständig durch die Renaissance verdrängt waren, 
sondern aus der Bordüre, deren Wellenranke nicht im gleichmäßigen 
Fluss der Renaissance-Rankeneinfassungen, sondern in rhytmischen Ab- 
sätzen verläuft, deren einzelne untereinander durch Bandklammern ver- 
bunden erscheinen. 
Die Fabelthiere spielen auch in einer anderen, der gothischen Zeit 
besonders eigenthümlichen Gruppe von Rücklaken eine große Rolle, wo 
sie nämlich mit den wilden Männern in Verbindung gebracht werden. 
So erscheinen auf einem Teppich aus Straßburg in Kärnten (Bisthum 
Gurk) drei Bestien und ein Einhorn von je einer jugendlichen Figur in 
der zotteligen Hülle der Waldmenschen gebändigt und geführt; auf einem
	        

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