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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 4)

kunst. Hier tritt wieder eine weitverzweigte Künstlerfamilie, die Galli-Bibiena, sehr ent- 
scheidend auf, vorzugsweise im Decorationsfach, wogegen die eigentliche Architektur 
der Friulese Burnacini lange Zeit mächtig beherrscht. Das rein römische Element rnit 
einer gewissen ernsten Einfachheit reprasentirt Dom. Martinelli, aber auch die andere 
Seite desselben, die Richtung Borrominfs, Endet Eingang, wie sich an dem ausgezeich- 
neten Beispiel unserer Schwarzspanierkirche documentirt. 
Neben all" diesen bunten Einflüssen war ferner noch aus den Zeiten vor der 
eigentlichen Barocke manches Symptom von der lngerenz einer Richtung vorhanden, 
welche an die theoretischen Reformideen der großen Meister der cinque ordine, Vigriola, 
Serlio, Palladio, Scamozzi, San Micchele etc. anknüpfte, ,von denen Scamozzi für 
Ocsterreich sogar von persönlichem Einßuss gewesen und sein durch Santino Solari 
restringirtes Project des Salzburger Domes typisch geworden war. Spätere Bauten dieser 
Art sind St. Peter in Krakau, die Querschiif- und Chorpartie von Mariazell, endlich 
Fischer von Erlach's des Aelteren Studienkirche in Salzburg - Schöpfungen von diame- 
traler Gegensatzlichkeit zu den malerischen, Stucco überladenen Producten der Comasken, 
Bolognesen u. A. Die Theorie der edlen Einfachheit, der goldenen Rückkehr zu den 
großen Alten ist, wie der Vortragende durch zahlreiche Citate und Beispiele erwies, 
viel alter als gewohnlich geglaubt wird und geht schon im 18. Jahrhundert also in den Tagen 
der sonst zuchtlosesten Decorations- und Eifectkunst, neben deren allerdings zahl- 
reicheren Productcn einher. Der Hauptsitz dieser reinigenden Tendenz war Rom - 
freilich neben der üppigen Pracht der Jesuitenarchitektur dieses Platzes - tind die 
Schule Carlo Fonianas besonders zu vermerken. Für uns hat dieaeaAtelier die grüßte 
Wichtigkeit durch die Berührung des in Rom studirenden Fischer des Aelteren mit dera 
selben, welcher zuerst Bildhauer und Medailleur, sowie Zögling der höchst decorativ- 
malerischen Tiroler Künstlerfamilic Schor, hier auf die römischen Rudera, auf die 
Theoretiker der spatern Renaissance gewiesen wurde und sodann in diesem Geiste in {seinem 
Vaterlande wirken sollte - allerdings nicht in vollkommen consequenter Tendenz, denn 
seine Schöpfungen verrathen ein fortwahrendes Schwanken zwischen den malerischen, 
eKectvollen Jugendeindrücken und der klaren Reformabsicht, welch' letzerer Richtung 
übrigens immer seine Meisterleistungen angehören. Ein Rathsel ist beinahe der geniale 
clal Pozzo, bei dessen Bildung durch die romischen Jesuiten und einem blos in wenigen 
letzten Lebensjahren auf Oesterreich beschrankten Aufenthalt sich seine ausgesprochenen 
deutschen Barock-Alluren nur sehr schwer erklären lassen, mit welchen er sic einiger- 
maßen den beiden großen Meistern in Prag, den Dinzenhofer, nahert. Auch Prandauer 
ist eine merkwürdige, noch wenig aufgehellte, aber sehr bedeutende Erscheinung; von 
den Elementen der Carlone ausgehend erringt er eine höchst selbständige, nationale 
Charakteristik und leistet im lnterieur der Molker Kirche Unnbertroßenes. Der Erbauer 
des Belvederes, Lucas von Hildebrand, gibt uns mit dem Geprage seines Stilwesens noch 
liartere Nüsse zu knacken, denn auch er streift zum Theile an die Weise der Carlcine, 
ergibt sich aber hauptsächlich dem Einfluss: gleichzeitiger Franzosen, insofern er einer 
der ersten Herold: des Rococo's mitten in unserer Epoche ist. Seine Verwandtschaft 
mit dem jüngeren Neumann in Würzburg springt in die Augen, doch so, dass dieser von 
Hildebrand gehasste Meister vielleicht im geistigen Abhangigkeitsverhaltnisse zu ihm 
erscheinen durfte. Der Franzose Claude le Fort, welchem Prinz Eugen die lnnenein- 
richtung seiner Paläste übertrug, zeigt sich hier wieder als ein Künstler im echten 
italienischen Barockgeschmack! Und jener angebliche französische Einfluss auf die 
österreichische Barocke? Der Vortragende wies zunachst darauf hin, dass die Verhältnisse 
in Frankreich ganz anders liegen als in ltalien und Oesterreich. Einerseits entwickelte 
sich dort die Renaissance viel stetiger fort, andererseits haben daselbst die im Geiste der 
Antike und der großen Theoretiker sich bewegenden Reinigungs- und Reformirungsideen 
der Baukunst schon lange Wurzel gefasst. Wenn Aehnliches nun auch in Oestereich durch 
Fischer den Aelteren an den Tag tritt, so ist es eine unglaubliche Albernheit, welche an die 
schlimrnstenZeiten der Franzosenanbeterei erinnert,die gleichen naturgemaßen Bestrebungen 
unserer Künstler einfach als Nachaßerei zu bezeichnen. Ganz einfach hatten hier wie 
dort nur die gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen, abgesehen davon, dass die 
damaligen tiefleindseligen Verhältnisse zwischen Paris und Wien solche absichtliche 
Beziehungen mehr als unwahrscheinlich machen. Uebrigens sind die wenigen Werke 
Fischer's, welche mit französischen verglichen werden können -- zweiter Entwurf für 
Schönbrunn, Hofstallungeii - seine schlechtesten. Ganz anders wurde es freilich nach 
dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts; schon der Sohn Fischer gewahrt dem 
französischen Element breitesten Zustrom und in dem Rococo stehen wir durchaus, 
gleich allen anderen Gebieten, unter dem Scepter der Seinestadt. Der Vortragende konnte 
leider den überreichen Stoff niclit durch den Bereich des Roc0co's sowie in den Zweigen 
der Schwesterknnste ebenso detaillirt durchnehmen, begnügte sich aber in der Haupt- 
sache gezeigt zu haben, welches reiche Mosaik dasjenige sei, was wir österreichische 
Baracke nennen - österreichisch mit Recht, denn alle jene fremden Einflüsse hat unser
	        

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