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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 7)

8. Es war ein Wagniss ersten Ranges, was Bernwardus an den Thür- 
flügeln von S. Michael, jetzt im Dome, schuf. Wenn Adelung im "Jahre 
1824 nur 20 Kirchen anführte, welche solche eherne Thorflllgel besitzen, 
so haben wir herauszuheben, dass ja die berühmten italienischen Thorl 
Hügel, z. B. jene, welche die in Byzanz begüterten Pantaleoni für Amalf-i 
und für die S. Michaelskirche auf dem Monte Gargano schufen, damals 
eben noch nicht cxistirten. Die Werke der Pantaleoni gehören in's t r. Jahr- 
hundert, die Thorflügel von Ravello ober Amalft stammen vom Jahre 1179, 
die von Monreale vom Jahre 1186, die Hildesheimer Thürflügel aber 
stammen inschriftlich vom Jahre 1015. Das Vorbild für Bernward waren 
die Erzgusswerke KarYs d. Gr. in Aachen oder noch näher die Thorßügel 
von Mainz, welche Willegis durch Beringer hatte gießen lassen. Aber 
die Uebertragung von Miniaturen in Reliefs aus Bronzeguss ist eben 
Bernward's eigener Gedanken. Vielleicht hatte er in Frankreich oder in 
Italien Relielwerke aus.antiker Zeit gesehen, wie z. B. Ludwig der 
Fromme eines an Bischof Martinus in Ravenna gesendet hatte: einen 
silbernen Tisch ohne Holzwerk, der in Relief ein Bild von Rom enthielt 
(anagliphte totam Romam). Denn es ist immerhin sehr möglich, dass 
solche Werke noch aus der spätrömischen Kunstperiode bis in diese Zeiten 
sich gerettet hatten. Von Byzanz selber ist der Anstoß kaum an Bern- 
ward herangekommen. Aber auch die Aachener und MainzenThorflügel 
haben, mit Ausnahme der Löwenköpfe und der Panneeleintheilung, keinen 
weiteren Einfluss auf die Decoration der reichen I-Iildesheimer Flügel 
geübt. Vielmehr sind es wahrscheinlich die hölzernen Thorflügel von 
S. Sabina in Rom gewesen, die ihn auf diesen Gedanken gebracht; vielmehr 
sind es Handschriften gewesen, die die Zeichnung der Scenen beeinflussten, 
obschon auch hier, wie sonst an Hildesheimer Arbeiten jener Zeit, an ein 
Copiren der Vorbilder keineswegs zu denken ist. Dafür steht diese 
Schule zu sehr auf einem gewissen stolzen, nationalen Boden. So hat es 
schon der um vier Jahre ältere Codex S. Bernwardi gehalten, der, trotzdem 
dass er in manch' einer Hinsicht mit dern berühmten Codex Otto's III. 
von Epternach sich berührt, doch wieder selbständig vorgeht, sowohl 
was die Auswahl der Bilder als auch was die Zeichnung anbelangt; 
denn einzelne sind seine eigene Erfindung (siehe BeiBel, Bilderhand- 
schrift, S. 55). 
In den Genesisbildern auf dem linken Thorf-lügel berührt er sich mit 
wkarolingischenß Handschriften: mit der Bamberger Bibel, der von S. Paolo 
fuori le rnura," mit der Alcuinbibel des British Museum Nr. 10.546 und 
der sogenannten Viviansbibel von Paris; aber er hat seine? eigene Ein- 
theilung der Darstellungen von der Erschaffung der Eva an, bis zum 
Todtschlage, den der erste Menschensohn an seinem frommen Bruder 
verübt hat. Der in diesen Scenen der ältesten Menschengeschichte be- 
schäftigten Persönlichkeiten sind zu wenige, als dass sehr große Diffe- 
renzen in den Gruppirungen bei den verschiedenen Darstellern sich
	        

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