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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 7)

an diesen beiden Deckeln kann ich hier, wo es sich um das Graphische 
handelt, nicht genauer besprechen. 
Guntbald hat 1014 auch das Missale des heil. Bernward geschrieben 
und vier sehr schöne Miniaturen hineingetnalt. Im Ganzen kann man 
sagen, dass dieHildesheimer Schule in Miniatur und Kleinkunst den gleichen 
Charakter des Nationalen, Selbständigen, wenngleich Harten und ziemlich 
Rohen aufweist (Führer Nr. 19): und die Selbständigkeit geht so weit, 
dass die Darstellungen, welche in den Erzgüssen und den Handschriften 
denselben Gegenstand behandeln, nicht die gleichen sind, sondern von 
einander abweichen (Beißel, a. a. O. S. 45). Es herrschte also nicht Uni- 
formität der Kunstschule, sondern die einzelnen Künstler holten sich ihre 
Inspirationen völlig von einander unabhängig. Ein dritter bernwardinischer 
Codex (Führer Nr. 13) hat wohl keine großen Prachthilder, aber reiche 
Initialien, in denen das nordische Geflechtwerk zu harmonischer Linien- 
führung abgeklärt ist. Ein vierter bernwardinischer Codex (Führer Nr. 61), 
eine Bibel, hat denselben Charakter: nur Initialien und ein Vollbild auf 
der ersten Seite. 
Der liber mathematicalis (Führer Nr. 31) hat wohl gar keinen künst- 
erischen Charakter, wird aber von mir deshalb angeführt, weil die Tra- 
ldition diesen Codex auf Bernward zurückführt, der des Boätius Arith- 
metik zum Unterricht des jungen Otto III. verwendet haben soll. Richtig 
ist die Sache nicht, denn Otto III. nennt gerade für Mathematik den 
berühmten Gerbert "seinen Meistern, dessen Besuch und Belehrung er 
sich erbittet, 993, da ihm Gerbert die Arithmethik des Boätius 
geschickt hatte, vermuthlich den Codex, der jetzt in Bamberg sich be- 
findet (H. J. IV, 12). Da der Kaiser sich nungelehrt und schlecht dis- 
ciplinirn nennt, aber seine eigene schnelle Auffassungsgabe - grecorum 
vivax ingenium -- hervorhebt, wird des Bernwardus Unterricht in Ma- 
thematik eben nicht sehr tiefgehend gewesen sein. Den Codex aber des 
Boötius wird er wohl aus dem kaiserlichen Exemplar erst abge- 
schrieben haben. (Siehe Havet, Lettres de Gerbert 983-997, Paris 188g, 
p. 172. - Alfred Nagel, Gerbert und die Rechenkunst des 10. Jahrhs. 
in den Sitzungsber. der Wiener Akad. der Wissensch. 1888, S. 861 fg.) 
Da aber Gerbert 993 schon Erzbischof von Rheims war, wenngleich nicht 
unbestritten, so wird der Ausdruck Otto's III. nMagistro suou ebensowenig 
ernst zu nehmen sein, wie die Phrase rnnbis indoctis et male disci- 
plinatis-i. Aber das steht fest, dass Gerbert durch seine mathematischen 
Kenntnisse geradezu als Phänomen seiner Zeit dasteht, und dass Bern- 
ward auch nicht im Entferntesten an diese Bedeutung heranragt. 
1015 brannte der Dom ab; viele Handschriften, darunter sehr werth- 
volle, gingen zu Grunde. Der zweite Guntbald'scl-ie Codex ist aus jener 
Zeit, welche die entstandenen Lücken, so gut es ging, auszufüllen sich 
bemühte. Uebrigens stammen wohl manche der angegebenen Codices aus 
S. Michael. 
12'
	        

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