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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 8)

S. Bernwardus von Hildesheim in seiner Zeit. 
Von Prof. Dr. W. A. Neumsnn. 
(Schluss) 
Die Bilder des zweiten Flügels hängen ebenso mit Handschriften 
zusammen, nur ist hier die Vergleichung, weil es sich nicht um die 
ziemlich seltenen Genesisdarstellungen, sondern um Bilder aus dem Neuen 
Testamente handelt, die Vergleichungen etwas schwieriger und weit- 
läufiger. lm Ganzen sind der Codex Egberti und der Epternacensis zu 
vergleichen, aber mit steter Rücksicht darauf, dass die Hildesheimer Schule 
eben ihre eigenen Wege ging, fremde Vorbilder auf ihre Weise ver- 
werthete und Vieles neu schuf. Manches rnuthet uns schon anders an 
als die fast antiken Darstellungen des Codex Egberti; z.B. das Bild Christus 
vor Pilatus. Aber selbst mit dem Evangeliar des heil. Bernward stimmen 
diese Thlirbilder nicht; namentlich nicht die Opferung der drei Weisen, 
die im Codex Gaben darbringen, genau von der Form, wie das "Heilig- 
thumn, das Ludwig dem Frommen zugeschrieben wird, und welche im 
Codex eine geradezu phantastische Kleidung haben, gegenüber jenen 
drei ziemlich antik gehaltenen Drei Königen, die dem auf Maria's Schoss 
thronenden Kindlein ihre Gaben bringen in der Scene, die unter einem drei- 
fachen, sehr flachen Bogen stattfindet, wie solche an byzantinischen Elfen- 
beinen, z. B. in Bamberg, eben nicht selten sind. Aber gerade dieses Bild 
erinnert an sehr alte Vorbilder, die auf altchristlichen Sarkophagen sich 
hnden (Dr. Max Schmid, Die Darstellung der Geburt Christi, S. 2 u. fg.). 
Ganz besonders aber fällt es auf, dass im Evangeliar des heil. Bernward 
Jesus als unbärtig dargestellt ist, während er infden Sculpturen derselben 
Kunstschule bärtig erscheint. Es ist also hiemit zu constatiren, dass 
sowohl die Miniaturen als die Erzgüsse in Hildesheim ihre eigenen 
Wege gingen, fast unbekümmert um einander. Oder aber es müsste zuge- 
geben werden, dass die großen Erzgüsse nicht am Dome selbst, sondern 
bei S. Michael, einem von S. Pantaleon zu Köln bevölkerten Stifte, seien 
verfertigt wurden, also mit der Domwerkstätte gar nicht zusammenhängen. 
Was hier besonders zu beachten ist, das hat schon Beißel, Bilder- 
handschrift S. 4i,gut zusammengestellt. (VergLE. O.Wiecker,Die Bernwards- 
säule, S. 6.) Er spricht von dem Zusammenhange zwischen den Evan- 
geliarien S. Bernwardi, den Reliefs der Erzthüren und denen der Christus- 
säule. Die beiden Erzgüsse ergänzen sich gegenseitig. Die Lücke, welche 
zwischen den vier Panneelen mit der Jugendgeschichte Jesu Christi und 
den vier Panneelen mit dem Leiden und der Auferstehung des Herrn 
klafft, wird durch die Bilder der Bernwardssäule ergänzt, die das Wirken 
und die Lehren des Herrn von der Taufe am Jordan bis zum Sieges- 
einzug am Palrnsonntage schildern. Dem zum Dome Eintretenden wurden 
also diejenigen Gedanken beigebracht, die sonst in den Vorhallen mittel- 
alterlicher Dome, den sogenannten Paradiesen, zur Darstellung kamen
	        

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