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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 10)

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in der ornamentalen Ausstattung rücksichtlich ihres Entstehens und ihres 
Anwachsens in weit frühere Zeit zurückverfolgen. 
Schon seit dem t6. Jahrhundert kann man in der Entwickelung der 
europäischen Kunstverhältnisse ein zunehmendes Zurücktreten des Flach- 
ornaments beobachten. Ein Grund zur Erklärung dieser Erscheinung, 
von dem zwar nicht behauptet sein soll, dass er der einzige ist, der aber 
ohne Zweifel als ein Hauptgrund gelten darf, liegt in jener schranken- 
losen Schmuckfreudigkeit, die im Gefolge der Renaissance in die euro- 
päische Kunst eingezogen war. Um diese Schmuckfreudigkeit zu be- 
friedigen, bedurfte es eines so reichen Sammelvorraths an Ornamenten, 
wie ihn weder die unmittelbare Vorgängerin der Renaissance - die 
Gothik - noch die Antike oder die romanische Kunst gekannt hatten 
und zu bieten wussten. Den gewaltigen Anforderungen, die man in dieser 
Beziehung im 15. und 16. Jahrhundert, wie an alle übrigen Künste, so 
auch an die Textilkunst stellte, vermochte die im Mittelalter stilführende 
textile Technik - d. i. die Seidenkunstweberei - nicht mehr gerecht zu 
werden. Dies vermochte überhaupt nur eine Technik, die Stickerei, deren 
Werkzeug - die Nadel - sich mit jener Freiheit über eine textile Fläche 
zu bewegen vermag, um darauf die beliebigsten Configurationen hervor- 
zubringen. Zwar wusste man in der Antike, wie die sogenannten GraPschen 
Funde erwiesen haben, mittelst der Wirkerei oder Gobelintechnik selbst 
textile Gemälde herzustellen, die gleichwohl durch den Charakter der 
Cotuposition, der Raumausfüllung, der Bordirung und Umsäumung ihre 
rein ornamentale Bestimmung innerhalb der Fläche dem Beschauer 
deutlich zu Bewusstsein brachten. Wo sich unter jenen ägyptischen 
Funden aus spätantiker Zeit wirkliche Stickereien fanden, da verrathen 
sie sichtlich das Bestreben, ein Relief auf der Fläche hervorzubringen, 
wogegen die gewirkten Borten und Einsätze vollkommen flach in die 
ausgesparten Kettfäden eingearbeitet erscheinen. Mit dem Aufkommen 
der Seidenkunstweberei wird die zeitraubende Technik der Wirkerei im 
Mittelalter immer mehr auf die Herstellung von Wandbehängen, den 
später sogenannten Gobelins, beschränkt, und eine Wiederbelebung der- 
selben zur Herstellung textiler Gebrauchsgegenstände in der Weise der 
Antike war im Europa des 15. oder t6. Jahrhunderts schon aus wirth- 
schaftlichen Gründen ganz unmöglich geworden. Während es nämlich 
allerorten nach Arbeitstheilung, Zunft- und in der Folge Großbetrieb, 
nach Verbesserung der Werkzeuge und Abkürzung der Arbeitszeit durch 
Einführung mechanischer Hilfsmittel drängte, durfte man nicht mehr 
daran denken, zu einer primitiven Technik zurückzukehren. die sich 
nothgedrungener Weise auf bloßen Handbetrieb beschränken muss. Ist 
man doch selbst heutzutage, nach all' den Errungenschaften der modernen 
Technik, in der Gobelinfabrication über die Handarbeit nicht hinaus- 
gekommen. Um also den neugewonnenen Ornamentenreichthum der Re- 
naissance in die Textilkunst zu übertragen, musste man nach der Stickerei 
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