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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 10)

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sowohl durch seine heutige BeschaiTenheit, als auch durch seine be- 
deutsame Vergangenheit als Muster und Vorbild für die fiachgemusterte 
Decke, und wurde auch in der Folge zum wirksamsten Hebel der auf 
eine Reform des Kunstgeschmacks und der kunstgewerblichen Production 
gerichteten Bestrebungen unseres Zeitalters. 
Freilich wer sich der gewonnenen Erkenntniss von der Vortreff- 
lichkeit der orientalischen Teppiche gegenüber den modernen europäischen 
praktisch erfreuen wollte, der mochte und durfte nicht warten, bis ihm 
die reforruirte europäische Teppichindustrie einen Teppich von ähnlichen 
Vortreiflichlteit zu liefern vermochte. Denn abgesehen davon, dass es 
keineswegs das Ziel jener mehrfach erwähnten Reform sein konnte, die 
Werke vergangener oder exotischer Kunstübungen lediglich copirend 
nachzuahmen, gab und gibt es noch gewisse schwerwiegende Umstände, 
die überhaupt eine Verpflanzung der orientalischen Teppichindustrie mit 
ihren technischen Eigenthümlichkeiten und den dadurch bedingten Reizen 
auf europäischen Boden ziemlich aussichtslos erscheinen lassen. Wer 
in den Fünfziger oder Sechsziger Jahren einen Teppich von den künst- 
lerischen Qualitäten eines orientalischen besitzen wollte, der konnte 
nichts Anderes thun, als was man auch heute noch in solchem Falle zu 
thun pflegt: er kaufte sich einen echten Teppich orientalischer Fabrication 
beim Händler. Die enorme Nachfrage, die in Folge dessen gegenwärtig 
nach orientalischen Teppichen herrscht, hat einen lebhaften Export der- 
selben aus den morgenlänrlischen Staaten zur Folge gehabt. So viel nun 
auch die moderne Geschmacksreform zur Entwickelung und zum Auf- 
schwunge dieses Exports beigetragen hat: man würde sich täuschen, 
wenn man die Vorliebe der Europäer für orientalische Teppiche blos 
ffür eine moderne Schwärmerei halten würde. Denn wir vermögen ganz 
sicher nachzuweisen, dass die Europäer bereits in viel früheren Jahr- 
hunderten der Geschichte die orientalischen Textilproducre im All- 
gemeinen, und darunter ganz besonders die Teppiche ebenso zu schätzen 
wussten, als wir heutzutage. Orientalische Teppiche finden wir nämlich 
dargestellt auf den Bildern altdeutscher und niederländischer Meister aus 
dem 15. bis I7. Jahrhundert, mit geometrischen oder sehr stark stilisirten 
vegetabilischen Mustern, deren Nachklang wir heute noch an den Er- 
Zeugnissen der kleinasiatischen Teppichknlipferei "zu erkennen vermögen. 
Im tS. und 16. Jahrhundert gab es aber im Abendlande keine kunst- 
gewerbliche Reform im heutigen Sinne, mit bewusster didaktischer 
Tendenz, sondern ein naives Kunstschaifen, das sich das Alte und das 
Fremde ohne verständige Reflexion blos nach seinen augenblicklichen 
Bedürfnissen assimilirte. Der altdeutsche Meister copirte also den orientali- 
schen Teppich nicht deshalb, weil er ihm gegenüber den Teppichen 
heimischer Erzeugung stilgerechter erschien, sondern weil man zu den 
betreffenden, vom Maler zur Darstellung gebrachten Sonderzwecken, zu- 
meist Bodenbelägen, auch damals vornehmlich orientalische Teppiche
	        

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