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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 11)

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rungen der Chronisten von der Pracht am Abbasidenhofe von Bagdad so 
berühmt geworden sind. An solchem Luxus nahm gewiss auch die städti- 
sche Bevölkerung bis zu einem gewissen Grade Theil, woraus auf dem 
Gebiete des Kleidungswesens sowie der Textilindustrie überhaupt Aufgaben 
erwuchsen, denen die beschränkte Geschicklichkeit der Haussclaven nicht 
mehr gerecht zu werden vermochte. So mochten städtische Textilgewerbe 
für einige Zeit zur Blürhe gelangt sein; daneben hat man aber für an- 
spruchslosere Bedürfnisse , namentlich für die Herstellung gewöhnlicher 
Gebrauchsteppiche, wohl fortdauernd die Thätigkeit der Haussclaven in 
Anspruch genommen. Auf solche Weise mag also das Institut der Scla- 
verci conservirend für die Erhaltung des Hausfleißes auch in der städti- 
schen Bevölkerung gewirkt haben. 
Für das oben dargelegte Verhältniss zwischen orientalischer und 
occidentalischer Kunst und Industrie sind wir heute glücklicherweise 
sogar in der Lage, eine Art Rechenprobe anstellen zu können, und zwar 
eben an der Hand der geschilderten zwei Arten von Teppichen. Es wurde 
schon erwähnt, dass auch in gewissen Gegenden Europa's bis in unser 
Jahrhundert herein Teppiche in der Technik der orientalischen erzeugt 
worden sind. So haben wir gewirkte Teppiche in der Art der Kilim 
kennen gelernt, die von Serben in Syrmien erzeugt wurden. Teppich- 
wirkereien in dieser Art begegnen wir nicht bloß bei Serben und Bul- 
garen, also bei südslavischen Stämmen, sondern auch bei den Ruthenen 
in der Bukowina. Wegen ihrer Verwandtschaft mit den Kilim oder Cilim 
hat man die gewirkten Teppiche der Slaven in Südosteuropa auf eine 
Verpßanzung der Wirkereitechnik aus dem Orient in Folge der türkischen 
und tatarischen Eroberungen zurückführen wollen. Dass dem aber nicht 
so ist, sondern die Teppichwirkerei in Südosteuropa schon vor dem Ein- 
dringen der Türken verbreitet gewesen sein muss, ergibt sich schon aus 
einer Vergleichung der beiderseitigen Ornamentik, die sich nur in jenen 
freilich sehr wesentlichen Punkten berührt, wo das Ornament durch die 
Eigenthümlichkeit der gemeinsamen Technik bedingt ist. Vollends un- 
möglich erscheint aber die Erklärung durch unmittelbare Einführung aus 
dem Orient auf der skandinavischen Halbinsel, wo die Teppichwirkerei 
ebenfalls bis hart an die Schwelle unserer Zeit ausgedehnte Pflege ge- 
funden hat. Aber nicht nur die Wirkerei, auch die Knüpftechnik treffen 
wir in Schweden wie auch in Norwegen. Die Art der Einknüpfung weist 
zwar gegenüber der orientalischen einige kleine Abweichungen auf, aber 
das Wesentliche ist überall gemeinsam: Einknüpfung von kurzen Woll- 
büscheln in je zwei benachbarte Kettfäden mittels der menschlichen Hand. 
Dieser primitiven technischen Herstellungsweise durch bloße Handarbeit 
entspricht nun in den Ländern ihres Ursprungs auch das primitive Betriebs- 
system des Hausfieißes, mittels dessen alle diese südslavischen und skan- 
dinavischen Teppiche hergestellt worden sind.
	        

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