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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 4)

Japans zumal heute sind, wie im Charakter, so auch in Industrie, Kunst 
und Sitte, so haben sie doch so -viel Verwandtschaft, um oftmals ihre 
Arbeiten schwer unterscheiden zu lassen, wie sie denn auch von einander 
gelernt und sich gegenseitig nachgeahmt haben. Ein gemeinsamer Zug 
ist die Willkür, die Unregelmäßigkeit, die Unsymrnetrie in Allem, was 
Form, Gestalt, wie Verzierung betrifft, und hierin gehen die Japaner 
noch weiter und consequenter vor als die Chinesen. Man betrachte z. B. 
die Kleidungsstoffe der Japaner auf unserer Ausstellung, einen darunter, 
der mit gemalten landschaftlichen Motiven verziert ist, einen anderen, 
durchsichtigen Sommerstoff, der die kühle Tiefe des Meeres darstellt. 
Ein anderer japanischer Gewandstoff von weißem Atlas mit reicher 
Goldstickerei und grünem Laub ist von höchster Wirkung, prächtig und 
schön zugleich, und überhaupt muss man sagen, dass alle die reichen, in 
Gold und Farben prangenden Costlime durchaus harmonisch in ihrer 
Wirkung sind. Und dabei gibt es nach unserem herkömmlichen Farben- 
geschmack höchst gewagte Zusammenstellungen, so z. B. das Costüm 
eines Mandarinen aus lauter verschiedenen Tönen von Blau, Grün und 
Violett mit Gold dazwischen. Wenn wir von diesem coloristischen Stand- 
punkte aus unsere Collection japanischer und chinesischer Costüme be- 
trachten, so werden wir ebenso lehr- wie genussreiche Befriedigung aus 
ihnen schöpfen. Wir sehen dann leicht hinweg über die Sonderbarkeiten, 
die sich uns sonst darstellen, über die kleinen Schuhe für die verkrümmten 
Damenfüße, über die gestelzten Pantoffeln der Japaner, über die japanische 
Perücke und den chinesischen Zopf, der allerdings bei diesem uralten, 
greisenhaft überlebten Volke seine volle moralische Berechtigung hat. 
Freilich, wenn wir auf unserer Ausstellung in Saal VI die euro- 
päische Kleidung der letzten Jahrhunderte mustern, so fehlt ja auch ihnen 
der Zopf nicht, weder natürlich noch moralisch. Da sind eine ganze 
Reihe Damenkleider aus der Rococozeit; weit zu ungeheurer Größe durch 
den Reifrock aufgebläht, und darüber eine Büste kleinl und schmal, ein- 
geengt durch die eiserne Schnürbrust. Vergleichen wir damit das Damen- 
costüm der vornehmen Japanerin in demselben Saal, das nicht ohne Bi- 
zarrerie in unseren Augen sich darstellt, so werden wir doch bei diesem 
die größere Natürlichkeit, mehr Sorge für die Gesundheit und auch die 
höhere Schönheit anerkennen müssen. Und ebenso dürfte der Vortheil 
auf japanischer Seite liegen im Vergleich zu dem überaus reich und 
vornehm ausgestatteten Damenmodell aus der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts, als der Reifrock zum ersten Male erschien. Dagegen kommt 
der europäischen Frauenmode der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die 
größere Natürlichkeit, Freiheit und Schönheit zu, vom Zeitalter der Re- 
naissance ganz zu geschweigen. 
Aus diesen Epochen einer glücklicheren und ästhetisch mehr befrie- 
digenden Mode, aus diesen Epochen, welche man vorzugsweise als die 
malerischen bezeichnen kann, hat unsere Ausstellung, was die weibliche
	        

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