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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 139)

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Das Actionscornite hat nachstehenden 
Aufruf zur Bethelligung der österreichischen Kunstindustrle 
an der Pariser Weltausstellung 1878 
erlassen: 
Die österreichische Kunstindustrie steht auf's Neue vor einer grossen Aufgabe, die 
sie nicht gewünscht, die sie nicht herbeigeführt hat; aber sie kann sich ihr nicht ent- 
ziehen und muss sie l6sen. 
Die dritte Pariser Weltausstellung, der wir für das Jahr 1878 entgegensehen, ist 
unabanderliche Thatsache, so weit menschlicher Beschluss reicht, und eben so fest steht 
nunmehr die Theilnahme Oesterreichs. 
Es ist richtig und wird von Niemand geleugnet, dass heute die Lage der Welt und 
die Lage der Industrie insbesondere einem solchen Unternehmen, welches blühende Frie- 
denszustande zur Voraussetzung haben sollte, ungünstig sind; es ist leider richtig, dass 
diese Ungunst der Zeiten doppelt schwer auf Oesterreich drückt. Aber soll uns das ver- 
anlassen, dem Kampfe zu entsagen und ruhig dern Laufe der Dinge zuzusehen? 
Wenn uns nicht mehr die Frage vorliegt, ob Ja, ab Nein, sondern nur, ob wir gut 
oder schlecht ausstellen sollen, werden wir da nicht alle Anstrengungen machen, deren 
wir fähig sind, um das erstere Ziel zu erreichen, um Oesterreich würdig im Wettkampfc 
der Nationen erscheinen zu lassen? 
Wir haben ja noch einen besonderen, einen zwingenden Grund dazu. Es ist That- 
sache-und wir können davon reden- die Kunstindustrie Oesterreichs hat neues Leben 
gewonnen und sich einen jungen Ruhm erworben. Soll sie dieses Leben auf das Spiel 
setzen, diesen jungen Ruhm auf einem neuen Schlachtfelde begraben lassen! Soll sie 
nicht vielmehr Alles daran setzen, ihn zu behaupten, ihn fester zu begründen und zu er- 
weitern? Handelt es sich ja doch nicht blos um eine Frage der Ehre, sondern um eine 
Ehre, mit der die materiellsten Interessen, mit der Wohl und Wehe auf's Engste ver- 
knüpft sind! 
Und wir können dieses Ziel erreichen. 
Können wir auch nicht hoffen, auf einem Boden, wo Frankreich bei sich zu Hause 
mit all' seiner Kraft auftritt, als die Ersten aus dem Kampfe hervorzugehen, so können 
wir doch vollkommen auf einen ehrenvollen Platz, selbst auf einen frischen Ruhmeszweig 
rechnen, vorausgesetzt, dass wir es an Anstrengungen - und sie sind doppelt nöthig - 
nicht fehlen lassen. 
Diese nun hervorzurufen und in die rechten Wege zu leiten, bezweckt unser Aufruf. 
Wir wenden uns zunächst an die Industriellen selber mit dem Ersuchen, mit der 
dringenden Bitte, sich der Theilnahn-ie an der neuen Ausstellung nicht zu entziehen, trotz 
der Ungunst der Zeiten, trotz so vieler, nur zu wohl bekannter Täuschungen, zu denen 
die Weltausstellungen Ursache gewesen sind. Wir verlangen keine Opfer von ihnen, wie 
sie bisher bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich waren, keine blossen Cabinetstücke, 
keine forcirten Luxusgegenstande, die, nur zu diesem Zwecke gemacht, eine Weile die 
Augen blenden, um sodann, weil unverkauft und nach ihrer Natur unverkäullich, Aerger 
und bitteren Schaden zurückzulassen. 
Die österreichische Kunstindustrie soll nicht zur Schau und nicht für die Kunst- 
cabinete arbeiten, sondern dasjenige, was in Wirklichkeit gesucht und gebraucht wird, 
und sie soll dieses - und darin besteht ihre Aufgabe - gut schaffen, d. h. zweck- 
massig, brauchbar und schon zugleich. In diesem Sinne müssen ngutx und i-osterrcichischu 
identische Begrilfe werden und alsdann hat unsere Kunstindustrie den goldenen Boden 
gefunden, auf welchem sie Ruhm, Glück und Gewinn an sich fesseln wird. Folgt sie 
diesem Wege auch für die bevorstehende Ausstellung, so wird sie sich schwerlich über 
Opfer zu beklagen haben. 
Wir wenden uns zweitens ganz in demselben Sinne an das Publicum, an das kau- 
fende und bestellende, an dasjenige zumal, welches Kunst und Schönheit liebt und ehrt. 
Wir wenden uns an das Publicum mit der Bitte, die Industrie in ihrem Streben zu unter- 
stützen. So Mancher ist in der Lage und hat auch die Lust dazu, schöne Gegenstände 
zu seiner Freude entstehen zu lassen, so Mancher hat die Absicht, früher oder später 
schone Gerathe zu bestellen, die er für sich braucht, für seine Wohnung, für seinen 
Tisch: er mache letzt die Bestellung, sobald als möglich, da es noch Zeit ist; er mache 
sie unter der Bedingung, dass diese Gegenstände zu Paris auf der Ausstellung erscheinen, 
und er achte darauf, dass sie gut und schon und zweckmassig seien. Sollte er des Rathes 
dazu bedürfen, so wird das Actionscomite bereltwilligst ihm zu demselben verhelfen. 
Aber zum Dritten haben wir uns noch an einen anderen Kreis zu wenden, welcher 
der Sache der österreichischen Kunstindustrie auf der Pariser Ausstellung im höchsten 
Grade nützlich sein kann. " 
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