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Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 11 und 12)

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dies alles ist noch zwischen den Karnischen und Julischen Alpen, die Ebene 
herunter bis Padua und weiter noch hinaus zu erforschen. Bei der Betrach- 
tung unserer Kanzel müssen diese Faktoren berücksichtigt werden. Grado 
selbst nimmt wie in der Geschichte so auch in der Kunst eine merkwürdige 
Stellung ein: durch den Abfall von Aquileja trennt es sich vom Abendlande, 
gerät zuerst unter byzantinische, dann unter venezianische Einflußsphäre, 
ringt mit Aquileja um die Vorherrschaft und wird im XI. Jahrhundert 
bezwungen. Während Aquileja im XIII. und XIV. Jahrhundert und später 
auch in der Renaissance, Zeiten der Selbständigkeit, des Aufschwunges und 
der Blüte erlebt, bleibt Grado ein vernachlässigter Exponent Venedigs. 
Der Gedanke liegt somit nahe, in Venedig selbst Beispiele zu suchen, die 
zum Vergleiche mit unserer Kanzel passen könnten. 
S! 
Bevor wir zu dieser Aufgabe übergehen, wollen wir die Tetramorphen- 
Reliefs ins Auge fassen, dazu eine Gruppe von Skulpturen unserer Betrach- 
tung heranziehen, deren Vergleich mit den erwähnten Reliefs von großem 
Werte für die Datierung unserer Kanzel sein wird. 
Am Fuße der Karnischen Alpen, am Tagliamento, liegen nicht weit 
voneinander zwei Ortschaften, die im Mittelalter eine wichtige Rolle als 
Zoll- und Grenzstationen auf der großen Alpenstraße bildeten: Gemona 
und Venzone. Diese beiden Ortschaften, stets in Fehde miteinander, bald 
unter der Herrschaft Aquilejas, bald unter jener der Grafen von Görz oder 
kleinerer einheimischer Geschlechter, wußten sich das ganze Mittelalter 
hindurch und noch hinauf bis ins XVI. Jahrhundert zu halten. Ihr Wohl- 
stand kam von den Zöllen, die sie, sei es für das aquilejensische Patriarchat, 
oder für sich selbst, erheben durften. Die gegenseitigen Kämpfe beruhten 
auf der Rivalität beider Städte, einzeln ihre Selbständigkeit aufrecht zu 
erhalten. Erst am Anfange des XIV. Jahrhunderts, als der Patriarch Bern- 
trand von St. Ginnes Venzone bezwang, trat eine kurze Periode der Ruhe 
ein, die zur Vollendung zweier bedeutender Kirchenbauten beitrug. Gemona 
errichtete 1290 an Stelle einer älteren Gründung eine neue Kirche. Venzone 
tat 1308 dasselbe. 
Nun sind die Skulpturen der Portale dieser beiden Kirchen für die 
Bestimmung der Gradenser Kanzel von besonderer Wichtigkeit. Wir wollen 
sie deshalb kurz in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen?" 
Der Dom (Santa Maria) von Gemona (Abb. 3) ist im Jahre 1290 von 
einem einheimischen Meister namens Johannes" erbaut worden, wie es eine 
' Vergl. N. Barozzi, Gemona e i! suo disu-eno, Venedig 185g. V. Baldiasen, Da Gemonn n Venzone. 
Gemonn 1891. V. Joppi, Contrihuto qunno ed ultima all: Storia dell'Arte nel Friuli, Venedig 1894. L. Planiscig, 
in „L'Arte", Rom, Bd. XIV. lgn. G. Bragnto, Da Gernonn a Venzone, Bergamo 1913, in „Kuli: artisticn", 
Bd. 70 (gute Abbildungen, Text schlecht). 
"" Joppi, op. cit., nennt diesen Künstler Giovanni dann Griglio da Gemona. Woher er den Beinamen 
Griglio, den Bragato. op. cit., kritiklos wiederbringt, her hat, weiß ich nicht.
	        

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