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Volltext: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 11)

Von einer solchen Arbeit, und zwar einem Tafelaufsatz aus Meißner 
Porzellan, die ich im Jahre 1900 nach einer mir durch Professor Dr. von 
Boloz-Antoniewicz zugesandten Photographie veröffentlicht habe," soll hier 
die Rede sein. 
Als ich vor kurzem durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, daß die Russen 
sich nicht gescheut hätten, den Inhalt des Museums des Stauropigianischen 
Instituts in Lemberg nach Kiew zu verschleppen, wurde ich wieder an sie 
erinnert. Denn auch sie befand sich in einer Lemberger Sammlung, und zwar 
in der Pawlikowskischen Bibliothek, und der Gedanke liegt nahe, daß sie 
das gleiche Schicksal habe teilen müssen. 
Zufällig erhielt ich gleichzeitig einen weiteren Anstoß, mich mit dieser 
Arbeit zu beschäftigen. Ein Berliner Sammler, Dr.Dosquet, hatte die gleiche 
Gruppe, die allerdings nicht vollständig war und in Einzelheiten von der 
Lemberger abwich, erworben. Er wandte sich an mich, um näheren Auf- 
schluß darüber zu bekommen. 
Mit freundlicher Hilfeleistung von Professor Hösel und der Fabriks- 
leitung in Meißen, die eine neue Ausformung aus den alten Formen anfertigte 
und dem Dresdner Kunstgewerbemuseum überließ, habe ich nun ver- 
sucht, mir Klarheit zu verschaffen über Besteller, Entstehungszeit und 
Bedeutung der Gruppe. Das Ergebnis dieser Untersuchungen, von denen 
ich annehme, daß sie weitere Kreise interessieren werden, fasse ich in dieser 
Stelle zusammen. 
Früher, als ich die Gruppe nur aus einer Photographie kannte, hatte ich 
angenommen, daß sie aus der von 1763 bis 1774 anzusetzenden Punktperiode 
stamme. Die etwas wilde Rokokokartusche, der übermäßig schlank gebildete 
Obelisk und die antikisierenden Verzierungen des kleinen runden Altars 
waren es wohl vor allem gewesen, die mich zu einer so späten Datierung 
verleitet hatten. Nun hat sich aber herausgestellt, daß die Kartusche eine 
spätere Variante bedeutet und nichts mit dem Ursprungsmodell zu tun hat. 
Was den Obelisken anlangt, so kommen solche Formen wohl derartig häufig 
in den klassizistischen Perioden vor, daß man bei ihrer Verwendung zunächst 
an sie denken möchte. Indessen lassen sie sich bei Meißner Porzellan bereits 
in den vierziger und fünfziger Jahren des XVIII. Jahrhunderts verschiedent- 
lich nachweisen." 
Daß man aber bei ihnen schon in der Mitte der vierziger Jahre einzelne 
Teile mit antikisierenden Ornamenten schmückte, wie das bei dem Altar, 
und zwar mit vollem Bewußtsein geschehen ist, habe ich bis dahin nicht 
geglaubt, annehmen zu dürfen. 
Aus den Meißner Fabriksakten geht indessen mit völliger Sicherheit 
hervor, daß das Modell zu dieser Gruppe im Jahre 1746 von keinem Gerin- 
"' Berling, Das Meißner Porzellan, igoo, Fig. 200. 
"' Sponsel, Kabinettstiicke des Meißner Porzellans, igoo, Seite 223. - Im „Inventariurnß das das in der 
„Conditorey" des Ministers Bdihl beündliche Porzellan aufzählt, gibt es eine besondere Abteilung (Kap. 26), die 
nur von Aufsätzen und Pyramiden (hier soviel wie Obelisken) handelx. Es sind hier ganz große, große, kleine, 
durchbrochene, mit Weintrauben uinwundene und verschiedene andere aufgezählt. (Berling, a. n. 0., Seite x87 f.)
	        

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