MAK

Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 6, 7 und 8)

Auch das Gebäude, wovon die Rede war, ist bedeutend durch die Kraft 
des künstlerischen Wollens, wie dieses an jedem Teil der Fassade zur 
Äußerung kommt. Durch diese Kraft hat Berlage die holländische Architektur 
mit ihrem überlieferten Akademismus und mit den Verlockungen eines aus- 
gebreiteten zur Verfügung stehenden Formenmaterials aus ihrer Passivität 
wachgerüttelt und sie wieder zur Aktivität des elementären künstlerischen 
Schaffens erweckt. Dies spricht anfangs aus seiner Detaillierung am deut- 
lichsten. 
Die Detaillierung eines baukünstlerischen Werkes erfüllt im allgemeinen 
eine doppelte Funktion; vergleichenderweise könnte man sagen: eine passive 
und eine aktive. Die passive Funktion erfüllt sie als Licht, Schatten, Farbe, 
Masse usw., kurz als allgemeines baukünstlerisches Mittel zur Gestaltung 
des architektonischen Gesamtbildes. Die aktive Funktion erfüllt sie, insoweit 
die Einzelheiten selbständig zu künstlerischen Organen ausgebildet sind. 
Selbstverständlich konnte von diesem letzteren in der Stilarchitektur (der 
Architektur des Kopierens und Zusammenstellens) fast gar nicht die Rede 
sein. Auch in der klassischen Kunst waren. die Einzelheiten weniger aktiv, 
weniger persönlich, doch die mittelalterliche Kunst (und speziell die gotische) 
hat durch eine sehr aktive Detaillierung in ihren Monumentalbauten auch 
einen persönlichen Reiz zu entfalten gewußt. Die Meisterschaft der Bau- 
meister dieser Zeit offenbart sich ganz besonders in der Weise, wie diese 
Detaillierung angebracht ist, wodurch nicht ihre passive Wirkung im Gesamt- 
bild beeinträchtigt wurde, das heißt nicht der künstlerische Wert der Einzel- 
heiten hervortrat, sondern erst bei genauerer Betrachtung der Unterteile 
auffiel. Wie in seinen Prinzipien, welche dennoch für alle Zeiten gelten, 
schließt Berlage sich auch in dieser Hinsicht der mittelalterlichen Kunst an. 
Der Eindruck seiner Monumentalbauten und der Entwürfe dazu wird nie 
von kleinlicher oder anspruchsvoller Detaillierung beeinträchtigt, doch 
letztere entfaltet bei näherer Besichtigung einen großen lyrischen Reiz und 
überrascht immer aufs neue durch Feinheiten, welche anfangs durch ihre 
vorzügliche Einordnung ins Ganze übersehen werden. 
Seine Einzelheiten entstehen organisch aus dem Wesen des Gebäudes, 
wie die Äste eines Baumes aus dem Stamm: sie sind nicht kopiert oder 
zusammengestellt, sondern lebendige Organe des Kunstwerkes. So versteht 
man, daß bei ihm diese Einzelheiten den höchsten Anforderungen genügen 
müssen und er sie nicht selber entworfen oder ausgearbeitet hat, wenn er 
meinte, daß sie außerhalb seines Gebietes der Baukunst fielen. Er hat in 
solchen Fällen die besten Künstler seiner Zeit zur Mitarbeit berufen zur 
lAusführung von Skulptur- oder Malerarbeiten usw. Am Gebäude für die 
„Algemeene Maatschappij van Levensverzekering en Lijfrente" sieht man 
deswegen Skulpturarbeiten von Zijl und im Innern Wandmalereien von 
Derkinderen. ' 
Wo es die geeigneten Mitarbeiter nicht gab, wie zum Beispiel zum 
Anfertigen von Möbeln und für Kunstgewerbliches, war er gezwungen, die
	        

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