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Full text: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 6, 7 und 8)

das Übersinnliche, das Unmaterielle in seinem Werk 
zu steigern. 
Die neue Geistigkeit der volkstümlichen deutschen 
Kunst, welche in den Dekorationsformen so deutlich 
zum Ausdruck kam, entwickelte sich in ganz analoger 
Weise auch in den figürlichen Darstellungen. Wie in 
der Gotik ist auch in dieser Periode des Wieder- 
auflebens eines von der Gegenreformation genährten 
religiösen Mystizismus die Bewegungslinie der Figuren 
die Interpretin des Übernatürlichen, des Übersinn- 
lichen. Aber während in der Gotik das Geistige das 
Primäre war, das zu seinem Ausdruck sich notgedrun- 
gen menschlicher Formen bediente, war in der neuen 
Kunst des XVII. Jahrhunderts, dank der dazwischen- 
liegenden Renais- 
sanceperiode, das 
heißt der Periode des 
künstlerischen Stu- 
diums der mensch- 
liehen Figur, nun- 
mehr das Mensch- 
liche, das Sinnliche 
 
Abb. 3. Grünau im Almtal, _ __ 
Oberösterreich, Hochaltar der das Pnmare. UITI das 
Pfankirche, Melchisedech Wunderbare auszu_ 
drücken, wird das 
Menschliche zum übersinnlichen Affekt ge- 
steigert. Die dem natürlichen Menschen 
nachgebildete Figur wird zum Träger 
menschlicher Empfindungen und Leiden- 
schaften, menschlicher Affekte und Eigen- 
heiten. Die Menschlichkeit dieser Figuren 
wird aber, ebenso wie ihre tektonische Um- 
rahmung, durch eine gesteigerte Bewegung 
der pompös rauschenden Gewänder, durch 
Standmotive, die im Gegensatz zu den Ge- 
setzen natürlicher Bewegung stehen, mit 
einem Schein der Übernatürlichkeit um- 
geben. Schon in den Figuren des zweiten 
Jahrzehnts des XVII. jahrhunderts, wie 
etwa in den Figuren des im Jahre 1618 ent- 
standenen I-Iochaltars in der Pfarrkirche 
zu Grünau in Oberösterreich (Abb. 3),": 
sehen wir den Künstler bestrebt, durch 
i" Ehemals in der Stiftskirche zu Kremsmünster. 
Abb. 4. Allhansberg, Pfarrkirche, St. Paulus 
der Wetterpazron
	        

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