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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 6, 7 und 8)

Daneben tritt manches Streben nach Vereinfachung und Konzentration wie in 
Gorgon und Zerritsch auf, das von ernstem Wollen Zeugnis gibt, die ausgetretenen Pfade 
zu meiden. 
1m Mittelsaal ist einigen Architekten Raum gegeben, unter denen Ohmann wohl den 
ältesten Anspruch auf Würdigung hat. Die Kultiviertheit und vornehme Haltung seiner 
Entwürfe ruht auf trefflich beherrschten und verarbeiteten Traditionen und reifem Können. 
Dagegen neigt Theiß zu strammer moderner Forrngebung und Gestaltung. Seine mannig- 
faltigen Bauten für Wiener-Neustadt lassen verständnisvolles Eingehen in die Aufgabe und 
gemäßigtes Aufnehmen der Zleitbestrebungen erkennen, die er mit der Wertschätzung 
der Tradition zu verbinden weiß. Die Baukunst in ihrer strengen Gebundenheit an Material 
und Zweckbestimmung, an Örtlichkeit und Ausführbarkeit verträgt mehr wie jede andere 
Kunst den engeren Anschluß an die Vergangenheit und erschwert die Freiheit des 
Experimentes, wo nicht die Aufgabe selbst ein Neues fordert. Am meisten verlockt die 
bemalte Leinwand zur Freizügigkeit. Seit mehr wie einem Jahrzehnt währt das leiden- 
schaftliche Bemühen nach Überwindung der Vergangenheit, nach Neuschöpfungen freiester 
Art. Auch in der Arbeit der „geistig Tätigen", wie sie sich nennen, oder präziser vielleicht 
der „Aktivisten", die in einer Zeitschrift „Der Strah " das Programm ihrer Wünsche und 
Hoffnungen verkünden, auch in dieser Künstlergruppe verlocken Pinsel und Farbe zu kühnen 
Versuchen. Das Innerste unserer Erlebnisse, das Allgemeinste ihrer Wirkungen: die Emp- 
findungen von Furcht und Qual, von Freude und Sehnsucht, Heiterkeit und Trauer, sollen 
durch neue Mittel Ausdruck finden, die möglichst weit von jedem direkten Natureindruck 
entfernt sind. 
Sicherlich gelingt es Grete Wolf mit ihrem Farbenfeuerwerk, das auf einfachsten 
geometrischen Formgrundlagen von kaleidoskopischer Folge enzündet wird, packende und 
überraschende Wirkungen zu erzielen. Solche koloristische Experimente sind aber schon 
oft und mit tieferem Inhalt und größerem Können versucht worden, ohne daß ihnen das 
volle Gelingen beschieden wäre. Ähnliches gilt von den meisten anderen Leistungen, die 
mehr Wollen als Können, mehr selbstbewußtes Auftreten als innerlich gefestigtes künst- 
lerisches Schaffen starker Persönlichkeiten bringen. Am klarsten tritt in der an das Material 
gebundenen Plastik die Begrenztheit der Leistungen in die Erscheinung, Viele Wege führen 
nach Rom und die Mittel des Ausdruckes sind mannigfaltig wie die menschliche Wandlungs- 
fähigkeit. Zur höchsten Stufe führt aber nur die reinste Absicht und die edelste Begabung. 
Sie wirken fern von materiellen Zielen und aktivistischer Propaganda, nur aus innerem 
Drang und eingeborener Erleuchtung. " 
Man vernimmt hier wohl die neue Botschaft, noch fehlt uns aber der Glaube, den sie 
erwecken soll. Wir harren der Starken und Großen, die ihn zu erwecken vermögen. 
OHANNES ITTEN. Als Mitglied der „Freien Bewegung" und doch als einzelner, der 
sich stark genug fühlt, mit seiner Arbeit allein auf den Plan zu treten, hat Johannes 
Itten seine Ausstellung veranstaltet. Malerei, Plastik und Graphik sollen zusammen- 
wirken, um ein Gemeinsames auszudrücken: die Überwindung der Naturparallele durch 
eine Opposition gegen alte Tradition. Was im Künstlerhaus von den Aktivisten durch 
vielerlei verschiedene Richtungen ausgeprägt erscheint, sammelt sich in Itten wie in einem 
Brennpunkt. Stärker und sicherer wirbeln und schießen seine farbigen Lichtkegel 
Pfeile, Räder, Spiralen durcheinander und schaffen ein vielstimmiges Farbenkonzert von 
düsterer, heiterer, bunter Wirkung, die letzten Endes doch stark an das Stofflich- 
Kunstgewerbliche heranführt - so wenig es die Absicht gewesen sein mag. Ebenso ist 
die Plastik, wie Itten sie handhabt, als freies Spiel seiner Phantasie und Hand so abseits 
vom Leben, weil auch in ihr eine technische Absicht stärker mitspricht als die Gestaltungs- 
kraft, die schöpferische Tat. In seinen graphischen Arbeiten liegt mehr Zusammenhang 
mit der Natur, mehr Erinnerung an das Lebendige. Man fühlt dort mehr, von wo der 
Künstler ausging und wo er vielleicht wieder heimiinden mag; darum bleibt sie wärmer.
	        

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