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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 6, 7 und 8)

konjunktur der Revolution nicht bedurft hätte, um sich Geltung zu verschaffen. Längst vor 
und während des Krieges war der Ernst des Strebens klar geworden. Und es wird ebenso 
immer deutlicher werden, daß der Umsturz der allgemeinen Verhältnisse der neuen Kunst- 
bewegung eine Wertung, zu deren Anerkennung man suggeriert wurde - eben eine 
Gesinnungskonjunktur -, gebracht hat, die nur einem eilfertigen, halbfertigen Mitläufertum 
zugute kommen konnte. _ 
Jene Gesinnungskonjunktur hat nun die schwankende Politik der Berliner Ausstellungs- 
verhältnisse nicht eben zu festigen vermocht. Die Angst vor der Jugend um jeden Preis 
hat den mittleren Talenten den Halt genommen. Mußte schon das kleine Häuflein der 
Berliner Sezession, das blieb, als der entwicklungsfähigere Zweig der Freien Sezession 
neue Wurzeln suchte, sich jede Jugend als Mitgliederzahl verschreiben, so hat aber 
besonders die Freie Sezession nur mit der Gesinnungskonjunktur der modernen Bewegung 
gegenüber verrnocht, sich zu halten, indem sie ihr Stimme im Vorstand und Jury ein- 
räumte. Niemand würde hier von einer Gesinnungskonjunktur reden, würde es sich dabei 
allemal um reifende Qualität handeln. Man wird von einem so ernsten Menschen wie 
Schmidt-Rothluf, der im Vorstand der Freien Sezession stellvertretend sitzt, künftig nicht 
nur Gesinnung, sondern auch Qualitätsgefühle erwarten dürfen. Denn es wäre auf die Dauer 
für die Entwicklung des Expressionismus von schwerstem Nachteil, wenn jetzt nach zehn- 
jährigem Ringen man immer noch das Gefühl des Bahnfreimachens an erster Stelle oder 
der Gesinnung, die eifernd das bloße Programm fordert, hätte. Die Frage steht jetzt nicht 
mehr nach der Gesinnung, sondern allein nach der Qualität. Nur sie kann die Gesinnungs- 
konjunktur unserer Tage eindämmen und die Revolution aus der Kunst herausreißen, wo 
es sich doch nur um Evolution handelt. Dabei ist es seltsam, daß die, welche sich durch 
Gesinnung, sei es nun Qualität oder Unqualität, verbunden fühlen, durch keine starke 
Ausstellungsorganisation repräsentiert werden. In der alten Berliner Sezession, wie auch 
in der Freien Sezession, hat der Expressionismus seinen Platz. Und dazu ist nun eine dritte 
Gruppierung als „Novembergruppe" aufgetaucht, die sich vornehmlich aus der Freien 
Sezession nach links entwickelt hat. Vielleicht ist hiefür vielfach der Kunsthandel als Grund 
anzuführen, der gierig nach dem Verlagsrecht eines der Führer der Expressionisten greift 
und gerne sieht, wenn er auch in Ausstellungen getrennt, jedenfalls nicht mit Großen 
zusammenauftritt, die ein anderer Händler okkupiert hat. Keinesfalls kann selbst einer so 
eminent vitalhungrigen Stadt wie Berlin diese Ausstellungspolitik aus persönlichen Gründen 
auf die Länge zur Förderung gereichen. Aus diesem Grunde ist der Plan, alle Ausstellungen, 
wie einst vor Gründung der Sezessionen, in einer großen Schau zu vereinigen, zu begrüßen. 
Angeregt durch die Ausstellungsnot im Kriege hinsichtlich des Raummangels, mußte die 
alte „Große Berliner Kunstausstellung" nach Düsseldorf gehen und konnte es dort jeden- 
falls nicht wagen, ohne Einbeziehung der beiden Sezessionen als ehrlicher Repräsentant des 
Berliner Kunstlebens aufzutreten. So wird in einer Woche diese Gesamtschau diesmal in 
Berlin eröffnet werden. Einen wahren Sinn wird aber jene große Ausstellung nur erlangen 
können, wenn sie jene Gruppen, die ohne einheitliches Kunstprogramm lediglich auf einen 
Vereinscharakter herabgesunken sind, überflüssig machen. Auch der vitalste Kunstdrang 
kann in einer Stadt vier große Kunstausstellungen und ein Dutzend Kunstsalons, die in der 
letzten Zeit sich abermals vermehrt haben, nicht ertragen. Wenn in diesem Monat die große 
Schau eröffnet sein wird, wird es sich zeigen, inwieweit jenen Sezessionen noch ein 
Daseinsrecht zukommt oder inwieweit die große Vereinigung der Gruppen schon eingängig 
erscheint. Jedenfalls steht die Ausstellungspolitik des Berliner Kunstlebens vor weit- 
tragenden Ereignissen. W. Kurth. 
IEN. KÜNSTLERFÜRSÜRGE. Das Präsidium und die Geschäftsleitung des 
Künstlerfürsorgekomitees versenden den Bericht über die fünfjährige Tätigkeit 
dieser Hilfsaktion für die durch den Krieg in Not geratenen bildenden Künstler. Das Komitee 
hat bisher 6994 Unterstützungsakte mit einem Gesamtaufwande von 371.700 Kronen 
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