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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 9 und 10)

autochthone, das heißt geistig wie zeitlich zurückgebliebene Kunstschöpfung 
zu den glorreichen Vorbildern im Bereiche der Lagunenstadt einnimmt": 
Dies erhellt vor allem das Motiv der an den Vermittlungsdreiecken zwischen 
Fassade und Uhrturm angebrachten Muscheln; allzu äußerlich ist ihre An- 
gabe in offenkundig übertriebener Weise erfolgt; aber sie versinnbildlichen 
hier Bauglied und Ornament und gleichzeitig die Hervorhebung des Attributes 
des Heiligen, dem die Kirche geweiht ist. Hinsichtlich der Erfindung des 
schönen, nach allen Seiten hin durchbrochenen Uhrturmes widerspricht 
Madrassi der Ansicht, die in der Literatur zuweilen zu finden ist, daß er das 
Werk des Udineser Malers Grassi bilde. Seine Konzeption ist bereits in dem 
ersten Vertrage mit Bemardino vorgesehen und wir erfahren, daß im Jahre 
r 533 der auch sonst in Udine und Cividale beschäftigte Benedetto, der Sohn 
des Antonio degli Asturi di Dossena (in dem bergamaskischen Gebiete) sich 
zu der Oberleitung („architetto e soprastante sopra il lavoro delforologio") 
über diese Arbeit verpiiichtet." Fraglos bestehen manche Ähnlichkeiten mit 
der Torre dell' orologio des Markusplatzes inVenedig; da wie dort ist die Figur 
einer in einer Nische thronenden Madonna zur Aufstellung gelangt.""'"" Der 
Altartisch aber, der unter dieser Statuette auf dem vorspringenden Balkon 
von S. Giacomo angebracht ist, diente zur feierlichen Begehung des Meß- 
opfers. Des öfteren hatte es sich ereignet, daß die Patriarchen von Aquileia 
nach ihrem festlichen Einzug in die Stadt an diesem Altar ihre erste Messe 
lasen. So hatte es der Patriarch Marino Grimano im Jahre 1524 geübt; zu 
diesem Hochamte war - wie eine zeitgenössische Quelle berichtet - eine 
ungeheure Menschenmenge (gegen 25.000 Teilnehmer) herbeigeströmtrt 
Dann bildete der ringsum abgeschlossene Raum des Platzes die ungedeckte 
Kirchenhalle, in der die Gläubigen den auf erhöhter Estrade allen sichtbar 
sich ereignenden Vorgängen der heiligen Handlung folgten. i 
Im XVIII. Jahrhundert wurde die parallel zur Kirche S. Giacomo sich 
ausdehnende Kapelle der Pia opera dei Pelliciai mit dem Nebengebäude 
vereinigt. Die dem Oratorium vorgestellte Fassade sticht mit dem Tone 
ihres weißen Marmorbelages hell gegen den grau schimmernden Gesamtton 
von S. Giacomo ab, unterwirft sich aber im wesentlichen der Anordnung 
des Nachbarn. Die Zweiteilung der Geschosse, deren horizontale Trennungs- 
linien gleichsam eine Verlängerung der entsprechenden Gesimsbänder der 
jakobskirche bilden, die Teilung der Scheinfassade in drei Vertikalachsen 
bringen die Verschmelzung der beiden in ihrer Entstehung durch zwei Jahr- 
hunderte getrennten Bauwerke zu einer sich gegenseitig ergänzenden und 
ineinander verwachsenden Wechselwirkung. Bei näherem Zusehen kann 
1'" Über ähnliche Erscheinungen in Dalmatien vgl. H. Folnesics. Jahrbuch der Zentralkommission, 19:4. 
""" Joppi, a. a. 0., IV. Seite 126. 
"W Die kleiniichen Maße der Madonnenfigur von S. Giacomo stehen selbst zu den wenig großzügigen 
Proportionen der Fassade in einem störenden Verhältnis. Übrigens bildet die Veduxe Pedros die Fassade ohne 
die Figur ab. 
1- V. joppi und Marchesi, „Cronaca delle guerre dei friulmi coi Germani di Giov. Batta. di Cerneu", 
Udine 1895, Seite 80 f.
	        

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